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Gedämpfte Stimmung bei Technologieaktien

War es das schon wieder? Seit dem Kurseinbruch im September haben die Technologieaktien eine atemberaubende Aufholjagd hingelegt. Doch in den vergangenen zwei Wochen schwenkten viele Titel aus dem TMT-Bereich (Technologie, Medien, Telekommunikation) in eine Seitwärtsbewegung ein, das heißt, sie traten mehr oder weniger auf der Stelle. Die Aktie der Deutschen Telekom etwa schwankte zwischen 18 bis 20 Euro und der Bauelementehersteller Epcos pendelte zwischen 53 und 58 Euro, nachdem er von seinem Jahrestief bei rund 32 Euro auf fast 64 Euro geschossen und dann wieder gesunken war.

Was ist passiert? Steve Woolf, Technologieanalyst bei Commerzbank Securities, glaubt, dass die Anleger zu eilig einen Aufschwung im kommenden Jahr vorwegnehmen wollten. Da die Frühindikatoren aber noch keine eindeutigen Signale in dieser Hinsicht geliefert hätten, habe man jüngst einige Gewinnmitnahmen gesehen. Es ist zwar nicht ausgeschlossen, dass die hohen Liquiditätsbestände bei einigen institutionellen Investoren die Kurse zum Jahresende hin nochmals nach oben treiben, eine dauerhafte Erholung der Technologieaktien braucht aber andere Zutaten als lediglich kurfristig parkende Geldströme.

Das Problem bei den Technologieaktien ist ihre hohe Volatilität, was man mit Schwankungsanfälligkeit übersetzen kann. Das hängt auch mit den kurzen Produktzyklen von 18 bis 24 Monaten und den daran gekoppelten Wachstumsschüben zusammen - man kennt das von den Microsoft-Betriebssystemen oder der Handy-Generationen. In guten Zeiten partizipiert der Anleger von diesem Hebel. Steigt beispielsweise der marktbreite DJ-Stoxx-Index um zehn Prozent, ziehen die Titel im DJ-Stoxx-Technologieindex um 16 Prozent an. Allerdings fallen die Wachstumsaktien in der Flaute auch überproportional zurück und die Bewertung wird schwierig, weil viele Konzerne schnell rote Zahlen schreiben. So sieht die Lage auch gegenwärtig aus.

Wie kompliziert die Bewertung jetzt ist, hat das Research der Commerzbank beispielhaft bei den Telekom-Ausrüstern klar gemacht. Das bewährte Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) für 2002 lautet für Alcatel momentan ungefähr auf 403 und bei Ericsson auf 104, absurde Zahlen für TurnaroundKandidaten, die 2001 Verluste schreiben werden. Lediglich Nokia liefert mit knapp 36 eine aussagefähige Kennzahl.

Alternative Kennzahlen

Um den direkten Einfluss der Börsenkurse zu mindern, haben einige alternative Kennzahlen den Unternehmenswert (Marktwert des Eigenkapitals plus Marktwert des Fremdkapitals) als Basis. Setzt man diesen "Enterprise Value" etwa ins Verhältnis zum Umsatz (EV/sales), so kommt man für Alcatel auf 1,4, für Ericsson auf 2,8 und für Nokia auf vier. Der finnische Handy-Hersteller wäre damit in seiner Branche gemessen an der Umsatzkennzahl teuer, gemessen am KGV aber günstig.

Für Bernd Keller, Wirtschaftsprüfer und Partner bei der Unternehmensberatung Rödl & Partner, macht eine isolierte Betrachtung der Kennzahlen aber keinen Sinn, eher ergebe eine Kombination aus Umsatz- und Ertragsanalyse einen praktikablen Ansatz. Letztlich entscheidet aber die Story hinter den Zahlen, ob man die Aktie kaufen soll oder nicht. Die Commerzbank-Analysten meinen zu den Nokia-Kennzahlen, dass das Unternehmen die beste Bilanzposition habe, die positiven Aussichten aber auch schon überwiegend im Kurs enthalten seien. Alcatel sei dabei, durch Erlöse aus Restrukturierungen seine Liquiditätslage schneller als erwartet zu verbessern. Dagegen bleibe die Zukunft von Ericsson ungewiss, weil die Erfolge der Neuausrichtung auf sich warten ließen. Fazit: Nokia halten, Alcatel kaufen und Ericsson verkaufen.

Ioannis Papassavvas, Manager des Dit-Technologiefonds, rät dagegen generell zur Zurückhaltung bei den Telekomausrüstern und sieht eher noch Chancen bei den Halbleiteraktien. Aus den Chip-Fabriken von TMSC und UMC in Taiwan kämen erste Anzeichen, dass die Kapazitäten wieder höher ausgelastet seien, die Umsatzsituation helle sich auf. "In Chip-Aktien muss man investieren, wenn sich das Minus bei den Einnahmen von beispielsweise 45 Prozent auf 40 Prozent im Jahresabstand bessert", sagt Papassavvas. "Wenn Gewinne je Aktie ausgewiesen werden, ist es zu spät, dann haben wir schon 70 bis 80 Prozent der Kurssteigerungen hinter uns", sagt der Technologiexperte.

Er favorisiert jetzt Analog Devices, RF Micro Devices, ST Microelectronics oder Texas Instruments. Die neue Handy-Generation auf GPRS-Standard (General Packet Radio Services) benötige mehr Chips als die alten Modelle, außerdem sollte die PC-Nachfrage anziehen. In der zweiten Jahreshälfte dürften dann Softwareaktien stärker ins Spiel kommen, erklärt Papassavvas. Mit der IBM-Aktie könne man bei einem KGV von 20 bis 23 wenig falsch machen, dagegen seien SAP-Titel mit einem KGV von rund 40 "schon stolz bewertet". Allerdings komme darin zum Ausdruck, dass für einen Fondsmanager an SAP kein Weg vorbei führe, wenn er europäische Tech-Aktien berücksichtigen wolle.

Wer jetzt einsteigt, muss sich auch auf Rückschläge einstellen, denn das KGV der europäischen Tech-Aktien liegt bei 50,6 für 2002, der DJ-Stoxx-Index bringt aber nur 18,3 auf die Waage.

Fest steht, dass die Börse weiter versuchen wird, den Aufschwung 2002 in die Kurse einzubauen, um die nächste Rally nicht zu verpassen. Aber auch die Profis sind unsicher, wann die Konjunktur wieder richtig anspringt. "Die Technologieaktien werden den Aufschwung wieder anführen", glaubt Woolf, aber voraussichtlich erst im Mai oder Juni würden sich die Hoffnungen auf bessere Zeiten auch in handfesten Zahlen der Unternehmen niederschlagen.

Ob dieser Zeitplan hinhaut, lasse sich erst Ende Januar oder Anfang Februar beurteilen, wenn das vierte Quartal und damit auch das Weihnachtsgeschäft bilanziert ist. Denn nur wenn die Verbraucher mitziehen, können die Tech-Unternehmen 2002 durchstarten und die Gewinnerwartung von durchschnittlich plus 44 Prozent realisieren. Die Analysten von UBS Warburg schauen sich übrigens jetzt die Verkaufszahlen der US-Einzelhändler Radio Shack und Best Buy an, um zu sehen, ob die Konsumfreude in den USA angesichts der Arbeitsmarktlage leidet. Dabei interessieren die Kassenbons aus dem Kommunikationsbereich - angeblich reagierten zuletzt beispielsweise die Aktien von Nokia und Texas Instruments auf diese Zahlen.

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