Gedämpftere Töne in Washington
US-Krieg ohne Siegestrophäen: Von Bin Laden keine Spur

Tot oder lebendig - mit dieser drastischen Losung blies US-Präsident George W. Bush noch am 11. September letzten Jahres zur Jagd auf Osama bin Laden. Der Optimismus war groß: Es sei nur eine Frage der Zeit, wann der "evildoer", der Oberschurke, zur Strecke gebracht werde. Rechtsexperten beschäftigten sich bereits mit den Herausforderungen eines Prozesses auf amerikanischem Boden gegen den mutmaßlichen Drahtzieher der Anschläge in New York und Washington.

dpa WASHINGTON. Heute, ein Jahr später, sind die Töne bei weitem gedämpfter. Den USA fehlen die sichtbaren Trophäen im Anti-Terror-Kampf. Von Bin Laden fehlt jede Spur, und insgesamt wurde lediglich eine kleine Zahl von El-Kaida-Mitgliedern der höheren Ebene getötet oder gefangen. Mager fiel auch die Bilanz bei der Verfolgung führender Taliban aus. Erst vor kurzem berichtete ein hoher afghanischer Regierungsbeamter, dass der frühere Taliban-Führer Mullah Mohammed Omar mit einigen Gefolgsleuten im Süden des Landes umherziehe. Tora Bora, wo Hunderte von El-Kaida-Kämpfern aus Höhlen und Tunneln entkamen, und Kandahar, wo Omar den USA durch die Lappen ging, wurden zu Symbolen für amerikanische Pleiten.

Kritiker lasten der US-Regierung an, sich im Afghanistan-Feldzug zu stark auf Stellvertreter-Truppen verlassen zu haben, um die Opfer unter den eigenen Soldaten gering zu halten. Die einheimischen Verbündeten hätten nach der Befreiung ihres Landes von den Taliban aber wenig Interesse daran gehabt, weiter die Ober-Übeltäter zu jagen und stattdessen ihr Entkommen gesichert.

Die globale Ausrottung des Terrorismus als Ziel


Die Washingtoner Regierung kontert mittlerweile damit, dass es im Anti-Terror-Kampf nicht nur um eine Person - Bin Laden - gehe, sondern um die globale Ausrottung des Terrorismus, und hier habe man bereits Beachtliches aufzuweisen. Der Name des El-Kaida-Führers, einst dutzendfach in fast jeder Bush-Rede erwähnt, fällt in Regierungskreisen kaum noch. Schon fast lakonisch heißt es immer wieder, man wisse nicht, wo Bin Laden sei und wolle sich nicht an Spekulationen beteiligen.

Und die gibt es zuhauf. Das jüngste Gerücht: Unter den Gefangenen auf dem US-Stützpunkt Guantanamo Bay sollen sich Leibwächter des Terroristenchefs befinden, was darauf hindeute, dass der saudische Millionär selbst ums Leben gekommen sei. Eine arabische Zeitung zitiert dagegen einen Journalisten "aus der Umgebung" Bin Ladens, dem zufolge sich der El-Kaida-Führer im vergangenen Jahr bei einer US-Attacke Schrapnellwunden zugezogen habe, aber inzwischen - nach einer Operation - wieder genesen sei.

"Die ultimative Terrorwaffe"


Was natürlich nicht zwangsläufig heißt, dass er sich auch von seinem Nierenleiden erholt hätte. Andere Gerüchte besagen nämlich, dass er ohne ein eigens importiertes Dialyse-Gerät nicht mehr am Leben wäre - und vielleicht auch nicht mehr sei. Videoaufzeichnungen wenige Monate nach dem 11. September zeigten schließlich einen krank und verhärmt aussehenden Bin Laden. Allerdings soll er sich nach anderen Quellen wiederum gesund und munter in den Bergen Pakistans tummeln oder in den Sudan entkommen sein.

Zu den angeführten Szenarios gehört auch, dass sich Bin Laden, aussichtslos in die Ecke gedrängt, von Gefolgsleuten habe töten lassen, um seinen Mythos am Leben zu erhalten. "Vorausgesetzt, die Leiche taucht niemals auf, würde sich die Welt ewig fragen: Wo ist er? Wann schlägt er wieder zu?", meint Ivan Eland vom Cato-Institut, einer Denkfabrik in den USA. "Das wäre die ultimative Terrorwaffe."

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