Geduld der Allianz erschöpft
Eine Bank verschwindet

Und sie wächst doch. Stolze 140 Meter ragt die glitzernd grün-blaue Glasfassade des halb fertigen Wolkenkratzers in den Himmel über Frankfurt. Ein weiterer markanter Strich in der Skyline der Metropole am Main, gesetzt von genau jenem Geldhaus, dem ein Zeichen der Expansion im Moment eigentlich am allerwenigsten zuzutrauen ist - der Dresdner Bank.

Zum Richtfest des 190 Millionen Euro teuren Turms mit dem merkwürdigen Kunstnamen "Gallileo" war sogar eigens der Kanzler angereist. Damals, im April, verkündete Bank-Chef Bernd Fahrholz in gewohnt staubtrockenem Stil, was Festredner zu diesem Anlass eben zu sagen pflegen: "Ein schöner Tag, ein Tag der Freude, für die Stadt, das Land, die Bank." Nach einem Jahr Übernahmestress will Fahrholz aber auch den Mitarbeitern ein wenig Mut machen, und so wagt er an jenem Festtag den Vergleich zwischen Hochhaus und Unternehmen: "Auch bei der Fusion zwischen Dresdner Bank und Allianz ist der Rohbau abgeschlossen, jetzt fehlt nur noch der Feinschliff."

Doch Fahrholz ist offenbar kein Baufachmann: Nur vier Monate später packt die Allianz noch einmal das ganz schwere Gerät aus, um bei der Bank aufzuräumen. Raum für 1 600 Arbeitsstellen bietet der "Gallileo"-Turm künftig, doch der Bedarf an zusätzlichem Platz hält sich in Grenzen. Schließlich haben Allianz-Boss Henning Schulte-Noelle und sein Chef-Controller Helmut Perlet der Tochter jüngst eine knallharte Grundsanierung verordnet, die noch einmal 3 000 Jobs kosten wird. Damit werden bei der Dresdner insgesamt 11 000 Stellen gestrichen.

Gut geölte Vertriebsmaschine

Am Ende wird von der einst stolzen Nummer zwei unter den deutschen Finanzhäusern nicht viel mehr übrig bleiben als eine gut geölte Vertriebsmaschine, fürchten immer mehr Banker. Fahrholz kennt diese Ängste: "Bei Mitarbeiterveranstaltungen werde ich häufig gefragt, womit zu rechnen sei, wenn wir die Erwartungen der Allianz nicht erfüllen", schreibt er in diesen Tagen in einer Mail an die Belegschaft.

Die Antwort auf die bange Frage liegt in München. Im Hauptquartier der Allianz legt man auf glitzernde Glasfassaden keinen Wert. Bescheiden duckt sich der 50er-Jahre-Bau mit dem Charme eines Sanatoriums in den Schatten des Englischen Garten. Diskretion und Understatement sind Werte, die Schulte-Noelle, der Grandseigneur des Hauses, in Ehren hält. Doch am Mittwoch muss der Allianz-Chef einen Offenbarungseid leisten: Im zweiten Quartal hat die Allianz kein Geld verdient, sondern 350 Millionen Euro verloren. Schuld daran ist vor allem die Dresdner. Satte 900 Millionen Euro Nettoverlust soll die Bank im ersten Halbjahr eingefahren haben, schätzen Analysten - den Hauptanteil davon im Bereich "Corporates and Markets", "Unternehmen und Kapitalmärkte".

Zwar zeigt auch das viel gepriesene Konzept vom voll integrierten Finanzkonzern erste Erfolge: Im ersten Quartal dieses Jahres hat der Versicherer knapp vier Mal so viele Policen über die Bankfilialen verkauft wie im Vorjahr. Doch was nutzt das, wenn der Rest der Bank die Bilanz verhagelt.

Geduld der Allianz ist erschöpft

Die Geduld der Allianz mit den Kollegen aus Frankfurt ist jedenfalls erschöpft. "Die müssen mal runter von ihrem hohen Ross", heißt es in München erbost. "Jetzt muss viel härter rangegangen werden." Allianz-Finanzchef Paul Achleitner hat bereits klar gemacht, was das heißt: "Nur wer einen positiven Wertbeitrag abliefert, kann auf Dauer zum Kerngeschäft gehören."

Schon im nächsten Jahr müssen wieder schwarze Zahlen her, lautet das Ultimatum aus München. Kein Wunder, dass Fahrholz und sein Kollege, Corporates-and-Markets-Chef Leonhard Fischer, immer stärker unter Beschuss geraten. Die beiden Dresdner-Top-Manager, die auch dem Allianz-Vorstand angehören, stehen gleich von zwei Seiten unter Druck: von störrischen und verängstigten Bankern und von erbosten Allianz-Kollegen. Dazu kommen die Erwartungen der Kapitalmärkte. Brian Shea, Analyst bei Merrill Lynch, kritisiert: "Enttäuschenderweise gab es keinen Wechsel an der Dresdner-Spitze."

Doch noch hält Schulte-Noelle an den Bankern fest. Den Vertrag des dritten Dresdner-Mannes im Allianz-Vorstand, Horst Müller, hat der Konzernchef sogar bis Ende 2003 verlängert. Der Personalchef der Dresdner soll seinen Kollegen beim Aufräumen helfen.

Personalkarussel dreht sich in der Chefetage nicht

Mitten in der Sanierung will Schulte-Noelle offenbar nicht das Personal wechseln, zumal interner Ersatz nicht in Sicht ist. Also machen sich die Sandwichmänner Fahrholz, Fischer und Müller daran, den harten Kurs der Allianz umzusetzen: Die Frankfurter Bank-Zentrale wird kräftig zusammen gestutzt, die Mutter übernimmt immer mehr die Kontrolle über die Tochter. Wichtige Aufgaben wie Finanzen und Risikomanagement werden künftig in Bayern erledigt.

Die Bank, die vor einem Jahr noch sechs Divisionen hatte, besteht jetzt nur noch aus zwei Bereichen: Privat-/Geschäftskunden und Corporates and Markets. "Das ist die endgültige Entmündigung", fürchtet ein Manager aus der Dresdner-Zentrale. "Jetzt holt die Allianz das bisschen Leine ein, das sie uns noch gelassen hat."

Die Hauptlast der Entlassungen wird indes nicht die Dresdner-Zentrale treffen, am kräftigsten muss die Sparte "Corporates and Markets" bluten. Von seinen 9 000 Investmentbankern bei Dresdner Kleinwort Wasserstein (DKW) hat Fischer bereits 1 700 gekündigt - und noch immer vernichtet der Bereich Kapital in großem Stil.

Fischer, 39, der einst der jüngste Vorstand in den Reihen der Dresdner war, muss jetzt den Beweis antreten, dass er sich auch als Sanierer durchsetzen kann. Dabei drückt er mächtig aufs Tempo: Bis Ende September sollen zwei Drittel der Kündigungen bei "Corporates and Markets" durch sein, der Rest bis zum Ende des Jahres.

Hat die Investmentbank überhaupt eine Zukunft?

Bleibt die Frage: Hat die Investmentbank überhaupt eine Zukunft im Allianz-Konzern? Viele meinen, dass die beste Lösung eine Abspaltung oder eine Fusion mit einem anderen Institut wäre. Selbst Investmentbanker haben nach einem Jahr Fusionsfrust keine Lust mehr auf den Münchener Versicherer: "Dass die Allianz kein Investmentbanking braucht, war von Anfang an klar", erzählt ein Londoner DKW-Mann. Doch eines ist genauso klar: Solange die Lage an den Finanzmärkten so verzweifelt bleibt, wird es schwierig, einen Käufer oder Partner zu finden. Das weiß auch der Londoner Banker, seine Antwort: "Träumen wird man ja wohl noch dürfen."

Wird von der Dresdner am Ende also nur ein Torso ohne Firmenkunden und Investmentbanking übrig bleiben? "Wenn die Bereiche weiterhin kein Geld verdienen, kann das gut sein. Den Nimbus als Großbank haben wir jedenfalls verloren", meint ein Frankfurter Banker. "Aber das ist natürlich kein politisch korrektes Statement. Die richtige Antwort lautet: Wir sind jetzt alle Teil eines großen innovativen Finanzkonzerns."

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