"Gefährlicher Weg der Manipulierung"
Kommentar: Grenzen für Klon-Experimente

Seit Monaten ist klar, dass es gar nicht mehr darum geht, "ob", sondern nur noch "wann" die entsprechenden technologischen Fähigkeiten für das Klonen entwickelt sein würden.

Handelt es sich nun um einen Meilenstein der Forschung oder einen wahr gewordenen Albtraum? Wohl noch nie klaffte die Selbsteinschätzung von Forschern und Öffentlichkeit so stark auseinander wie bei der Nachricht, dass es US-Wissenschaftlern erstmals gelungen ist, einen menschlichen Embryo zu klonen. Während die US-Firma ACT ihre Experimente mit Heilungserwartungen für Kranke durch das therapeutische Klonen rechtfertigt, wird die meisten Leser wohl das ungute Gefühl beschleichen, dass nun auf dem gefährlichen Weg der Manipulierung des menschlichen Lebens ein weiterer und vor allem entscheidender Schritt gemacht wurde. Die Horrorvisionen von Aldous Huxleys "Schöner neuer (Klon-)Welt" rücken erschreckend nahe.

Doch so ganz sollte man gerade der Politik den überraschten Aufschrei nicht abnehmen. Seit Monaten ist angesichts der fast wöchentlichen Erfolgsmeldungen der Genforscher klar, dass es gar nicht mehr darum geht, "ob", sondern nur noch "wann" die entsprechenden technologischen Fähigkeiten für das Klonen entwickelt sein würden. Deshalb spielt es letztlich auch keine Rolle, ob ACT bereits die Produktion wirklich lebensfähiger identischer menschlicher Embryos gelungen ist. Doch seltsam mutet an, wie viel Zeit sich vor allem die US-Regierung mit einem Klonverbot gelassen hat. US-Präsident George Bush hat zwar der öffentlich geförderten Forschung Fesseln angelegt und ihre Arbeit auf bereits bestehende embryonale Stammzelllinien beschränkt. Den Privatsektor ließ er jedoch außen vor, auch um der boomenden Branche ihren Wettbewerbsvorteil zu sichern. Verboten ist das Klonen deshalb in den USA, anders als in Deutschland, bis heute nicht. Dabei gibt es keinen anderen Weg, um die Gefahr der Manipulation des Menschen wirklich abzuwenden - zumal es etwa Sekten gibt, die ganz offen die neuen technischen Möglichkeiten für die Verwirklichung ihrer perversen Utopien nutzen wollen. Will eine Gesellschaft, will die westliche Welt ihr Menschenbild vom einzigartigen Individuum mit dem Recht auf Manipulationsfreiheit erhalten, muss sie Unternehmen und Forschern rasch Grenzen aufzeigen und sie zudem zur Transparenz zwingen - gerade weil der technische Fortschritt in der Humangenetik so schnell voranschreitet.

Dies gilt auch für die deutsche Stammzellendebatte. Allerdings sollte man sich davor hüten, alle Argumente gegen das hier zu Lande ohnehin verbotene Klonen automatisch gegen den diskutierten Import von Stammzellen zu übernehmen. Der Gesetzgeber muss hier "nur" entscheiden, ob er in einem begrenzten Bereich, nämlich an bei der künstlichen Befruchtung entstandenen und bereits vorhandenen Embryos, Forschung zulässt. Dies ist etwas völlig anderes, als wenn alleine zum Zwecke der Forschung Leben erzeugt wird. Denn bei bereits bestehenden Stammzellen liegt die ethische Abwägung letztlich zwischen der Forschung an Zellen und deren Vernichtung. Das sollte auch in der durch die ACT-Experimente aufgeheizten Diskussion nicht vergessen werden. Und daran ändert auch die Tatsache nichts, dass zurzeit die Forschung an ethisch unbedenklichen adulten Zellen, die etwa aus Nabelschnurblut gewonnen werden können, für die medizinische Therapie vielversprechender ist und deshalb vorrangig gefördert werden sollte.

Vernünftig ist die Position, die eine Mehrheit der EU-Partner bereits bezogen hat: Ein deutliches, möglichst weltweit geltendes Nein zum Klonen, aber kein völliges Verbot für die Arbeit an embryonalen Stammzellen. Deutschland sollte sich dieser Haltung anschließen - und zwar bald.

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