Gefahr der Zahlungsunfähigkeit nur vorerst vom Tisch
Hohes Risiko bei Brasilien-Bonds

Anleger brasilianischer Staatsanleihen erleben derzeit ein Wechselbad der Gefühle. Aktuell sind die Kurse der Bonds leicht gestiegen. Einige Experten raten deshalb, die Anleihen jetzt zu verkaufen. Andere setzen darauf, dass sich die Märkte nach den Wahlen im Oktober beruhigen werden.

HB SAO PAULO/FRANKFURT. Erst Euphorie, dann Ernüchterung und jetzt wieder Hoffnung: Seit der Internationale Währungsfonds (IWF) vor zwei Wochen Brasilien einen Kredit über 30 Mrd.US-$ in Aussicht gestellt hat, erleben die Investoren ein tägliches Wechselbad der Gefühle. Die Risikoaufschläge für brasilianische Anleihen gegenüber US-Staatsanleihen schwanken seitdem stark.

Nach der ersten Euphorie über den IWF-Kredit war der Markt wieder politisch getrieben. Die Hoffnung der Investoren auf einen Sieg des Regierungskandidaten José Serra sank nach neuen Umfragen weiter und belastete die Anleihen. Seit einigen Tagen sieht es jedoch wieder besser aus. Ciro Gómez, einer der linken Kandidaten für das Präsidentenamt, wählte einen renommierten Wirtschaftsprofessor als Berater, und Brasiliens Regierungsökonomen wollen zusammen mit Notenbankgouverneur Arminio Fraga nächste Woche in New York mit Banken über neue Kreditlinien verhandeln. Er habe bereits entsprechend positive Signale erhalten, sagte Frage am Dienstag.

In den vergangenen Monaten haben ausländische Banken laut Fraga ihre Finanzierungslinien für brasilianische Unternehmen um etwa 20 % gesenkt, was auf dem lokalen Devisenmarkt zu einer starken Dollar-Knappheit geführt hat.

Selbst wenn sich das Länderrisiko bessert, fürchten viele Anleger fürchten, wie im Fall Argentinien das Nachsehen zu haben und mit wertlosen Bonds im Portefeuille auf langwierige Schuldenverhandlungen warten zu müssen.

In Folge des gestiegenen Risikos empfiehlt die Investmentbank Salomon Smith Barney brasilianische Anleihen zu verkaufen. Die Ratingagentur Moody?s stufte inzwischen brasilianische Verbindlichkeiten in Fremdwährung auf die Note B1 herab, auf hoch-spekulativen Status, ebenso die Verbindlichkeiten von brasilianischen Banken und des Energiekonzerns Petrobrás.

Lateinamerika-Analyst Molano: "Jetzt die Chance für den Ausstieg nutzen"

Auch die Deutsche Bank in New York riet vor dem IWF-Abkommen, die "erwartete Rally danach für eine Reduzierung des Brasilienrisikos zu nutzen". Walter Molano, Lateinamerika-Analyst von BCP Sec. in den USA meint: "Die Party ist vorbei, es ist Zeit zu gehen." Anleger sollten "jetzt die Chance für den Ausstieg aus brasilianischen Investitionen nutzen."

Entscheidend für die Empfehlungen der Analysten ist die Einschätzung, ob es auch in Brasilien zu einem Zahlungsausfall kommen könnte. Einigkeit herrscht weitgehend, dass mit dem IWF-Paket in diesem Jahr nicht damit zu rechnen ist. "Brasilien dürfte dieses Jahr kein Problem mehr in seiner Leistungsbilanz haben", sagt Paulo Leme von Goldman Sachs. Auch Rafael Guedes von der Ratingagentur Fitch in Brasilien stimmt zu, warnt aber: "Die Gefahr des Staatsbankrottts besteht weiter für 2003."

Derzeit sind die Märkte wegen der unsicheren politischen Zukunft Brasiliens sehr nervös. Jedesmal, wenn der Real stark gegenüber dem Dollar verliert, wie im Juli, dann schrillen die Alarmglocken bei den Investoren: Mit jedem Prozentpunkt Abwertung steigt die Verschuldung bedrohlich an, und die Angst vor dem Zahlungsausfall nimmt zu. Beim derzeitigen Verschuldungsgrad von rund 58 % des Bruttoinlandsprodukts hat Brasiliens Verschuldung schon weit über das bisher als tolerabel angesehene Maß zugelegt. Gleichzeitig zweifeln Investoren, dass die Zentralbank in der Lage sein wird, eine zunehmende Flucht in den Dollar zu, ohne dass der Wechselkurs immer weiter sinkt.

Auch Oussama Himani, Leiter Emerging-Market Research von UBS in Zürich ist skeptisch: "Die Gefahr einer Zahlungsunfähigkeit Brasiliens ist sehr groß." Andere Marktbeobachter wie Oliver Stönner, Leiter des Emerging Market Researchs der Commerzbank in Frankfurt, ist optimistischer und erwartet nicht, dass "es zu einer Verschärfung der Krise wie in Argentinien kommt". Wer Brasilien-Bonds jetzt verkaufe, realisiere noch zu große Verluste. Nach den Wahlen sollten sich die Märkte stabilisieren. Das meint auch Ingrid Iversen von der Fondsgesellschaft Rothschild Asset Management. In den Kursen brasilianischer Anleihen seien bereits viele schlechte Nachrichten eingepreist und ein Zahlungsausfall sei unwahrscheinlich. Zum Kauf brasilianischer Anleihen raten Experten indes nicht. Dafür seien die Schwankungen derzeit zu hoch.

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