Gefahr für die großen Autokonzerne
Valeo greift im Ersatzteilgeschäft an

Die Liberalisierung des EU-Automobilsektors öffnet den Zulieferern den Zugang zum Markt für Originalersatzteile. Diese Chance will die Pariser Valeo-Gruppe nutzen - ohne die Automobilhersteller zu verärgern.

HB/abo/hof PARIS. Der französische Zulieferkonzern Valeo steht kurz davor, die gesamte Autobranche umzukrempeln. Das Unternehmen arbeitet an einem neuen Logistikkonzept, um die Vertragswerkstätten der großen Autokonzerne direkt und flächendeckend mit Ersatzteilen zu beliefern. Das bestätigte der Vorstandschef des Unternehmens Thierry Morin in einem Gespräch mit dem Handelsblatt in Paris. Möglich wird dies durch neue Regeln der EU für den Automobilsektor, die im Herbst dieses Jahres in Kraft treten. Danach können die Autohersteller ihre Werkstätten nicht mehr verpflichten, Teile allein über sie zu beziehen. Ihnen wird auch das Alleinrecht für die Bezeichnung "Originalersatzteil" genommen. Mit Ersatzteilen machen die Autohersteller derzeit noch Milliarden-Umsätze.

Valeo, mit fast 10 Mrd. Euro Umsatz im vergangenen Jahr einer der größten Zulieferer Europas, will das ausnutzen. Das Unternehmen, das nach hohen Verlusten 2001 im vergangenen Jahr in die Gewinnzone zurückgekehrt ist und seine Ertragslage auch im ersten Quartal 2003 weiter verbessert hat, schart bereits andere kleinere Autozulieferer um sich, um das Projekt zu realisieren. Eine Schlüsselstellung könnte der deutsche Markt spielen, auf dem Valeo mittlerweile fast 15 % des Umsatzes erwirtschaftet und in den vergangenen beiden Jahren hohe zweistelligen Millionenbeträge investiert hat.

Ein lukrativer Markt

Den lukrativen Ersatzteilmarkt, der allein in Deutschland auf mehr als 2,5 Mrd. Euro jährlich geschätzt wird, hat nicht nur Valeo im Visier. Auch großen Konkurrenten wie Bosch wird von Branchenbeobachtern nachgesagt, an Lieferkonzepten für die Werkstätten zu arbeiten. Offiziell werden die Pläne bislang aber nicht bestätigt. Grund dafür ist das sensible Verhältnis zu den Hauptkunden, den Autoherstellern, die das Geschäft mit Originalersatzteilen bislang kontrollieren.

Der starken Position der Autobauer ist sich auch Morin bewusst, denn "nur wenn man als Erstausrüster der Autobauer einen guten Marktanteil hat, entstehen auch Chancen im Ersatzteilmarkt", räumt er ein. Doch will er erfolgreich sein, muss er den Autoherstellern einen Teil des margenträchtigen Geschäfts entziehen. Morin glaubt, das ohne einen Bruch mit seinen Verhandlungspartnern zu schaffen. "Wir arbeiten an Konzepten, die nicht als Konkurrenz zu den Autobauern gedacht sind", beteuert er. Vielmehr wolle Valeo die Autobauer überzeugen, dass Lagerhaltung und Logistik nicht zu deren Kerngeschäft gehören und in diesem Bereich Sparpotenziale bestehen.

Kaum Gegenliebe bei Autobauern zu erwartet

Dass die Argumente in den Chefetagen der Autokonzerne auf Gegenliebe stoßen, wird von Branchenkennern allerdings bezweifelt. Vielmehr rechnen sie mit einem Abwehrkampf der Hersteller, wie es Frank Mintenig, Branchenexperte bei CSC Ploenzke, formuliert. Zumal bei manchen Autoherstellern ein deutlich zweistelliger Anteil der Erträge auf dem Geschäft mit Originalteilen basiert. Trotz zu erwartender Gegenwehr ist Michael Jedlicka, der bei IBM den Automobilsektor betreut, überzeugt davon, dass sich die Zulieferer durchsetzen und sich "das Potenzial nicht entgehen lassen".

Größte Hürde für einen Erfolg der Zulieferer bei diesem Geschäft ist die flächendeckende Logistik, über die heute nur die Autohersteller verfügen. Valeo erzielt bereits heute ein Sechstel seiner Umsätze im Ersatzteilgeschäft - und besitzt deshalb ein eigenes Vertriebsnetz. "Außer Valeo gibt es in Europa kaum einen Wettbewerber mit einer Logistik, die eine bessere Versorgung der Händler möglich machen könnte", glaubt Morin. Um das Angebot breit zu fächern, holt Valeo weitere Zulieferer ins Boot, die das eigene Spektrum, das von elektronischen Steuerelementen über Kupplungen bis hin zu Beleuchtungs- und Scheibenwischersystemen reicht, ergänzen.

Dass die Erschließung des Marktes Zeit kostet, weiß auch Morin. In Deutschland könnte sie sogar länger dauern als in anderen Ländern der EU. Denn die deutsche Gesetzgebung beschützt die Autobauer zusätzlich - besonders bei den sichtbaren Teilen der Karosserie. Morin würde eine solche Verzögerung nicht wundern: Er bescheinigt den Deutschen zwar "ein sehr diszipliniertes Arbeiten", aber vieles dauere einfach zu lange. "Deutschland muss seine Flexibilität und Dynamik wieder gewinnen", fordert der Franzose.

Quelle: Handelsblatt

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