Gefahr für Europa
Studie: SARS bedrohlicher als angenommen

Die Lungenkrankheit SARS ist möglicherweise bedrohlicher als bislang angenommen und auch eine Gefahr für Europa. Nach Berechnungen von Prof. Roy Anderson vom Imperial College London, Sitz eines der weltweit führenden Institute für Infektionskrankheiten, könnten zwischen acht und 15 % der infizierten Menschen sterben. Die Krankheit breitete sich unterdessen weiter dramatisch aus.

HB/dpa LONDON/PEKING/TORONTO. Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht von einer Sterblichkeitsrate zwischen fünf und 6 % aus. Mit schärferen Grenzkontrollen, Ausgangssperren und Schließung von Kultur- und Freizeiteinrichtungen wollen die asiatischen Länder jetzt verstärkt gegen die gefährliche Lungenkrankheit vorgehen.

Das Leben der Menschen in der chinesischen Millionenmetropole Peking wurde inzwischen stark eingeschränkt. Nach den Schulen wurden jetzt auch Universitäten, Karaoke-Bars, Internet-Cafés, Videospielhallen, Theater, Tanzsäle und Kinos geschlossen. Sämtliche Sportwettkämpfe wurden abgesagt. 7672 Menschen sind bereits in Quarantäne.

Die Krankheit breitete sich unterdessen weiter dramatisch aus. Mittlerweile haben sich nach WHO-Angaben 4836 Menschen mit dem Erreger des Schweren Akuten Atemwegssyndroms (SARS) infiziert. 293 sind bereits daran gestorben. Betroffen sind 26 Länder, am stärksten China. Taiwan meldete seinen ersten SARS-Toten.

Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin hält SARS auch in Europa für eine ernst zu nehmende Gefahr. "Das kann uns über Nacht erwischen", sagte der Vorsitzende der Gesellschaft, Prof. Klaus- Henning Usadel (Frankfurt), am Sonntag vor der Eröffnung des 109. Internistenkongresses in Wiesbaden. Wie das Beispiel Kanada zeige, seien hoch entwickelte Länder ebenso bedroht wie Asien. Auch in Europa könne es zu einer "gefährlichen Situation" kommen.

Nach Ansicht der WHO-Führung ist SARS die erste globale Epidemie des 21. Jahrhunderts. "So wird es in der Geschichte gesehen werden", sagte die Chefin der Weltgesundheitsbehörde, Gro Harlem Brundtland, in einem BBC-Interview. Restriktive Maßnahmen wie etwa die Empfehlung, nicht nach Toronto zu reisen, seien nicht übertrieben. "Wir machen, was sinnvoll und vernünftig ist, bevor es ein globales und ständiges Problem wird", sagte die WHO-Chefin. "Wenn dieser Ausbruch in die armen unterentwickelten Regionen Afrikas gelangt, sind wir wirklich in Schwierigkeiten."

Nach WHO-Angaben ist mit einem Impfstoff erst in ein oder zwei Jahren zu rechnen. Der Leiter der Impfstoffforschung beim US- Pharmakonzern Chiron, Rino Rappuoli, sagte dem Nachrichtenmagazin "Focus", seine Abteilung sei dabei, einen Impfstoff zu entwickeln. Er halte es für eine Illusion, den Erreger mit verbesserter Krankenhaushygiene oder Quarantäne ausrotten zu können. "Das Virus existiert bereits an so vielen Orten der Welt, dass es ohne Impfstoff nicht mehr endgültig unter Kontrolle zu bringen ist."

In Peking meldeten die Behörden am Sonntag 239 neue Fälle. Die Hauptstadt zählt damit insgesamt 1114 Patienten. Trotz des Anstiegs äußerte sich Staatsoberhaupt Hu Jintao in einem Telefonat mit US- Präsident George W. Bush zuversichtlich, dass sein Land die Krankheit "wirksam eindämmen" könne, berichtete die Nachrichtenagentur Xinhua.

Die WHO kritisierte weiterhin, die chinesischen Behörden gäben "nur ein Minimum" an Daten heraus. "Mit den Informationen, die das Gesundheitsministerium gibt, lässt sich das Ausmaß des Problems nicht einschätzen", sagte Jeffrey McFarland vom WHO-Untersuchungsteam der dpa in Peking. "Es ist eine verpasste Gelegenheit für die Welt, SARS schneller und umfassender zu verstehen."

Gesundheitsexperten unter anderem aus China, Südkorea, Hongkong sowie WHO-Vertreter forderten zum Abschluss einer Konferenz in Malaysia, dass an allen Grenzübergängen künftig Reisenden die Temperatur gemessen wird, um mögliche SARS-Patienten aufzuspüren. Auch wollten sich die Teilnehmer der Konferenz schneller über aktuelle Entwicklungen informieren.

In Kanada starben vier weitere Menschen an SARS. Nach der Statistik des kanadischen Gesundheitsministeriums sind 324 SARS-Fälle bekannt. Seit der ersten Ansteckung, die die Behörden auf einen Fluggast aus China zurückführen, starben insgesamt 20 Menschen im Raum Toronto an der Lungenkrankheit. Mehrere Popstars, darunter Billy Joel, Elton John und "American Idol"-Gewinnerin Kelly Clarkson sagten ihre Auftritte in Toronto ab.

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