Gefahr von Selbstmordattentaten in ganz Russland
Putins Kriegserklärung stößt auf Widerspruch

Die neue Kriegserklärung des russischen Präsidenten Wladimir Putin an die tschetschenischen Kämpfer stößt auf Widerspruch. Während Berlin eine politische Lösung des Konfliktes anmahnt, warnen Experten im Fall einer Eskalation vor unkalkulierbaren Sicherheitsrisiken für Russland selbst und eine Diskreditierung des globalen Anti-Terror-Kampfes.

DÜSSELDORF. "Russlands Vorgehen in Tschetschenien ist das Paradebeispiel, wie der Kampf gegen den Terror keineswegs aussehen kann, weil er selbst Gewalt auf breiter Basis generiert", sagt Uwe Halbach von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Amnesty International legte einen Bericht vor, der Russlands Militär vorwirft, in Tschetschenien für das "Verschwinden von Menschen, nicht gesetzmäßige Exekutionen, Vergewaltigungen und andere Gewaltakte verantwortlich" zu sein. Die Uno kündigte ein Hilfsprogramm für 290 000 hungernde Menschen in Tschetschenien und dem benachbarten Inguschetien an. Die Rebellen schossen bei Grosny einen weiteren Militärhubschrauber ab.

Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder zeigte sich in seiner Regierungserklärung über die Entwicklung besorgt und drang auf ein Ende der Gewalt. Oppositionschefin Angela Merkel warf ihm dennoch vor, nicht genügend Druck auf Putin auszuüben. Dieser hatte nach dem Geiseldrama Verhandlungen ausgeschlossen und härteste Vergeltungsmaßnahmen gegen Terroristen angedroht - bis zum Einsatz von Massenvernichtungswaffen. Gleichzeitig bezichtigt Moskau Aslan Maschadow, den untergetauchten gewählten Präsidenten Tschetscheniens, die Fäden bei der Geiselnahme gezogen zu haben. Das wird in Maschadows Umgebung klar dementiert.

Mowsar Barajew, der getötete Anführer der Geiselnehmer, hatte sich in einem Interview aus dem besetzten Theater direkt auf den radikal-islamistischen Rebellenführer Schamil Basajew berufen, als Ziel der Aktion aber auch die Durchsetzung von Verhandlungen mit Maschadow genannt. Im Gegensatz zu Basajew war Maschadow im Westen immer wieder als moderat und damit als geeigneter Verhandlungspartner eingeschätzt worden.

Doch offenbar haben sich die Kontrahenten inzwischen zusammengeschlossen. Im Mai hätten sie sich "zusammengerauft und eine vereinigte Front gebildet", berichtet Halbach. Seither firmiere Basajew als militärischer Stellvertreter von Maschadow, doch bleibe offen, wer sich durchgesetzt habe. Im positiven Fall, so Halbach, habe Maschadow an Durchsetzungskraft gewonnen und komme erst Recht als Gesprächspartner in Frage; im negativen Fall habe er sich in die Hand der Terroristen begeben. Thomas de Waal vom unabhängigen Institute for War & Peace Reporting, sieht eine noch gefährlichere Variante: Der 25jährige Barajew könne eine neue Generation tschetschenischer Kämpfer repräsentieren, die weder Basajews noch Maschadows Befehlen gehorchen, sondern nach dem Vorbild palästinensischer Selbstmordattentäter autonom überall in Russland zuschlagen können.

Georg Watzlawek
Georg Watzlawek
Handelsblatt Online / Ressortleiter Wirtschaft und Politik
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