Gefahren für die Beschäftigung steigen
Konjunkturforscher sehen nach Tarifabschlüssen nur Verlierer

Die Kommentare der Experten fallen harsch aus. "Ich sehe nur Verlierer", sagt der Chef des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim, Wolfgang Franz, wenn er auf die diesjährige Tarifrunde angesprochen wird: Die Beschäftigten müssten um ihre Arbeitsplätze bangen. Die Tarifpartner müssten weitere Austritte aus dem Flächentarif hinnehmen, und die Deutschen müssten mit steigenden Preisen rechnen.

oli DÜSSELDORF. Sein Kollege Udo Ludwig, Konjunkturexperte beim Institut für Wirtschaftsforschung (IWH) in Halle, pflichtet dem bei: "Die Lohnpolitik hat ihren moderaten Kurs verlassen", meint er. Und Harmen Lehment, Arbeitsmarktexperte beim Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel, ist sich sicher: "Die Tarifrunde hat dem Ziel, die Arbeitslosigkeit zu senken, deutlich entgegengewirkt."

Die Konjunkturforscher sehen die Einigung im Baugewerbe auf einer Linie mit den bisher erzielten Abschlüssen. Bestenfalls der Abschluss in der Chemieindustrie sei beschäftigungspolitisch neutral, glaubt ZEW-Präsident Frantz. Kollege Ludwig spricht vom "Sündenfall Metall". Und der Kieler Lehment versucht es mit einer psychologischen Erklärung: "Alle paar Jahre hat sich so viel Unmut aufgestaut" - da sei eine eigentlich übertriebene Erhöhung unvermeidlich. Dabei hätte Deutschland, das im EU-Wachstumsvergleich den letzten Platz belegt, eine moderate Tarifrunde gebraucht.

Da die ausgehandelten Lohnerhöhungen deutlich über dem Produktivitätsfortschritt lägen, rechnet das ZEW sogar mit steigenden Preisen. Anders seien die Kosten für die Unternehmen nicht aufzufangen. Damit ist die Kettenreaktion in Gang gesetzt: Preise, die nach oben klettern, bedeuten Inflationsgefahr. Die Europäische Zentralbank muss gegensteuern. "Die Wahrscheinlichkeit, dass die Zinsen anziehen, steigt", meint Frantz. Einzige Ausnahme unter den Ökonomen macht das traditionell eher nachfrageorientierte Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW). Gustav Horn, Leiter der Konjunkturabteilung, rechnet vor, dass effektiv die Lohnerhöhungen unter 3 % blieben. Damit wirke sich die Lohnentwicklung nicht negativ auf die Beschäftigung aus, zumal besonders in der Baubranche viele Betriebe sowieso nicht mehr nach Tarif zahlten. Die Preisstabilität sei nicht in Gefahr. Dafür hätten die Arbeitnehmer mehr Geld in der Tasche, was dem privaten Konsum zugute komme.

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