Gegen den Branchen-Trend
Hoffnungsträger Online-Handel

Der deutsche Einzelhandel hat das schlechteste Jahr seit Jahrzehnten hinter sich und blickt angesichts des weiter sinkenden Konsumklimas bang auf 2003. Das Chaos beim Dosenpfand, die Endlosdebatte beim Ladenschluss und der immer wieder aufkeimende Streit um Mehrwertsteuererhöhungen sorgen nicht gerade für bessere Stimmung in der Branche.

Reuters DÜSSELDORF. Doch nicht der gesamte Handel hat Grund zur Klage - der Umsatz im Online-Handel legte im vergangenen Jahr nach Schätzung des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE) um rund 60 Prozent auf 8,5 Milliarden Euro zu. Auch für 2003 rechnet der HDE mit Wachstum, allerdings abgebremst - rund elf Milliarden Euro dürften dann im E-Commerce umgesetzt werden, was immer noch einem stolzen Plus von 38 Prozent entspricht.

Gewinner des Internet-Trends sind vor allem die größten Player am Markt mit bekannten Markennamen und dickem Finanzpolster. Insbesondere etablierte Versandhändler wie Otto, Quelle und Neckermann verdanken dem Online-Geschäft frischen Wind und neue Kunden. Sie profitieren Experten zufolge von ihren eingespielten Vertriebskanälen und Vertrauensvorschuss bei den Verbrauchern.

Online informieren und offline kaufen ist In

In einzelnen Handelssparten erwarten Experten eine schwunghafte Online-Entwicklung, zugleich aber warnen sie davor, von einem allgemeinen Trend zu sprechen. Einer Studie des zur Kölner Universität gehörenden E-Commerce-Center Handel (ECC) zufolge wickeln über 60 Prozent der Unternehmen mit ihrem Online-Angebot nicht mehr als ein kümmerliches Prozent ihres Umsatzes über das Internet ab. Die Tendenz ist aber steigend und erreicht in einzelnen Branchen wie etwa beim Motorradhandel schon Umsatzanteile von bis zu 8,2 Prozent. Immer wichtiger wird auch die Bedeutung des Web bei der Verkaufsanbahnung. Nach dem Motto "Online informieren, offline kaufen" schauen die Kunden nämlich schon bei 28,5 Prozent aller Käufe zuvor ins Internet.

Umsatz-Anteil von bis zu 10 Prozent erwartet

Von einer Bedrohung des klassischen Handels durch Online- Portale redet aber kein Experte mehr. Mit einem Anteil von 1,6 Prozent am Gesamtumsatz (2002) liegt Angaben des HDE zufolge der Online-Handel weit hinter den euphorischen Erwartungen aus der Boom-Zeit der "New Economy" zurück. Immerhin soll der Anteil nach Schätzung des HDE in diesem Jahr auf 2,1 Prozent wachsen, bis 2010 sogar auf sechs bis zehn Prozent. Auch andere Branchenexperten trauen dem Online-Handel zu, auf mittlere Sicht wichtiger zu werden als der Versandhandel mit knapp sechs Prozent Umsatzanteil.

So verbuchte Deutschlands größter Textileinzel- und Versandhändler KarstadtQuelle 2002 im Online-Handel ein Plus von 53 Prozent auf 1,24 Milliarden Euro. Im Jahr zuvor hatte das Plus sogar bei 80 Prozent gelegen, freilich auf deutlich niedrigerem Niveau. Für 2003 peilt der Konzern einen Umsatz von 1,5 Milliarden Euro an, der über seine rund 60 verschiedenen Internet-Portale generiert werden soll.

Besonders erfreut zeigt sich der Handelskonzern über den Gewinn neuer Kunden via Internet. So wurden im vergangenen Jahr beim Versandhandelsportal Neckermann.de 40 Prozent aller Bestellungen von Kunden aufgegeben, die das Unternehmen noch nie belieferte. "Online hat eine hohe Bedeutung für uns und ist ein sehr positiver Aspekt unserer Multi-Channel-Strategie" fasst KarstadtQuelle-Sprecher Martin Schleinhege die Strategie zusammen.

Probleme für kleine Anbieter

Probleme mit dem Online-Trend haben dagegen kleine und mittlere Händler. Für ein einzelnes Fachgeschäft ist ein Internet-Auftritt mangels Masse und Bekanntheitsgrad meist vergebliche Liebesmüh. Allein als Nischenanbieter können sich Kleinsttbetreibe behaupten. Ein Beispiel ist die Firma Kloos & Kloos aus Ingelheim, die Weine aus Südafrika direkt vertreibt und über das Internet 80 Prozent ihres Umsatzes erzielt.

"Nicht jedes Produkt ist internet-tauglich", fasst Branchenexperte Kai Hudetz vom Kölner ECC zusammen. "Bei allen digitalisierbaren Produkten wie Musik, Software oder Filmen werden wir eine Revolution erleben." Generell seien gut vergleichbare Waren wie Marken-Elektroartikel oder Bücher für das Online-Shopping prädestiniert. "Schwierig ist es dagegen bei Waren mit hohen logistischen Anforderungen wie Lebensmitteln oder dort, wo das Einkaufserlebnis im Vordergrund steht, etwa bei hochwertiger Bekleidung."

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