Gegen Schnellgerichte
Sorgen der Juden wachsen

Mit wachsender "Besorgnis und Bestürzung" verfolgten die rund 85 000 Juden in Deutschland die ausufernde Gewalt von Rechts.

dpa FRANKFURT/MAIN/DÜSSELDORF. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, hat angesichts wachsender rechtsradikaler Ausschreitungen gegen Ausländer und Juden einen "Ruck durch die Bevölkerung in Deutschland" gefordert. Mit wachsender "Besorgnis und Bestürzung" verfolgten die rund 85 000 Juden in Deutschland die ausufernde Gewalt von Rechts, sagte Spiegel am Donnerstag in einem dpa-Gespräch. "Es ist fünf vor zwölf", nun seien die Politiker gefordert, den Worten Taten folgen zu lassen.

Die derzeitigen rechtlichen Bestimmungen reichen nach den Worten Spiegels völlig zur Bekämpfung des Rechtsextremismus aus. Viele der verantwortlichen Politiker seien sich des Ernstes der Lage bewusst "und wissen, dass es nicht nur um die Bekämpfung einer Gefahr nur für Ausländer und Minderheiten, für Juden geht, sondern einer Gefahr für alle Deutschen für ganz Deutschland". Jetzt gehe es vor allem darum, dass die Gesetze konsequent angewendet würden. "Ich bin auch nicht für Schnellgerichte, das hat so einen Geschmack an eine unselige Zeit. Ich bin dafür, dass zügig verhandelt, geurteilt und auch verurteilt wird. Denn sonst ist das keine Prävention."

Die Juden in Deutschland bemühten sich, angesichts der Schreckensmeldungen realistisch und gelassen zu bleiben. "Ich gebe zu, das fällt manchen heute sehr schwer, vor allem den älteren Menschen, die schon einmal durch das Leid des Holocaust gegangen sind." Die "Unerträglichkeit" der derzeitigen Übergriffe lassen viele am Sinn all der jahrelangen Bemühungen um Verständigung und Toleranz zweifeln.

Trotz allem wolle er für die Verwirklichung dieser Ideale weiter arbeiten, auch im Sinne seines vor einem Jahr gestorbenen Vorgängers im Zentralrat, Ignatz Bubis. "Wir sind in Deutschland, wir wollen in Deutschland sein. Viele Juden sind in den letzten zehn Jahren gekommen, voller Vertrauen in Deutschland, in die Deutschen, in die demokratische Grundordnung dieses Landes... Aber wir beobachten alles mit größter Besorgnis und hoffen, dass endlich jetzt ein Ruck durch die Bevölkerung geht. Dass der Großteil der Bevölkerung sagt, wir wollen nicht, dass ein paar tausend Verbrecher, verbohrt und fanatisch, alles kaputtmachen, was man in 55 Jahren aufgebaut hat."

Offenbar sei es in den vergangenen Jahren in Deutschland versäumt worden, ausreichend und effizient über den Schrecken des Nationalsozialismus aufzuklären: Umfrageergebnisse zeigten, dass über 80 % der Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren mit dem Thema Holocaust überhaupt nichts anzufangen wissen. "Da muss ja irgendwas schief gelaufen sein. Und ich weiß, dass Lehrer, Schüler und Studenten sehr wohl grundsätzlich interessiert sind, was geschehen ist und wie es dazu kommen konnte".

Offensichtlich seien die Pädagogen nicht genügend vorbereitet gewesen, diese Probleme didaktisch umzusetzen. Man habe die Lehrer bei der Vorbereitung und Umsetzung dieses Themas alleingelassen. "Sie sind guten Willens... Aber da muss etwas geschehen. Es müssen Seminare stattfinden für Lehrer, um dieses Thema entsprechend zu besetzen."

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