Gegen Wechsel Schulte-Noelles in den Aufsichtsrat
Fonds gehen mit Firmen härter ins Gericht

Der Ton zwischen Vertretern institutioneller Anleger und den Unternehmen wird rauer. Kapitalsammelstellen rund um den Globus werden aggressiver. Unter dem Schlagwort Corporate Governance verteidigen sie auf Hauptversammlungen die Aktionärsrechte, wehren sich gegen personelle Fehlentscheidungen und Bereicherung.

FRANKFURT/NEW YORK/LONDON. Die jüngste Hauptversammlung bleibt Tom Glocer in keiner guten Erinnerung. Als die Runde über das Gehalt des Reuters-Chefs diskutierte, ließen einige Aktionäre kräftig Luft ab. Das Management zettele einen "Krieg" gegen Investoren und Angestellte an, sagte einer, der großzügige Boni trotz eines Rekordverlustes von fast 500 Mill. Pfund, Stellenstreichungen und Kursverlusten nicht verstehen konnte. Am Ende stimmte gar ein Viertel der Investoren gegen die vorgeschlagenen Gehälter des Top-Managements - eine schallende Ohrfeige für den Vorstand.

Weltweit wird der Ton zwischen Investoren bzw. ihren Interessenvertretern und Unternehmen rauer. Corporate Governance (gute Unternehmensführung im Sinne der Anteilseigener) avanciert zum Zauberwort in der Anlagebranche. Bald könnte das Thema die Grenzen kritischer Wortmeldungen und Opposition auf HVs sprengen. Deutsche Asset Management (DeAM), die für institutionelle Kunden zuständige Anlagetochter der Deutschen Bank, verfolgt in Großbritannien einen neuen Weg. Auf einer Konferenz will der für Europa zuständige Chef-Anlagestratege Karl Sternberg morgen ein Modell zur Diskussion stellen, von dem er sich bessere Erträge verspricht. Er möchte langfristig höhere Anteile an Firmen übernehmen. "Ich könnte mir vorstellen, dass wir dann auch in den Vorstand der Unternehmen eingeladen werden." Wenn die Resonanz der Investoren es zulässt, wird Sternberg in sechs Monaten den ersten derartigen Fonds in Großbritannien starten und das Konzept später auf Europa ausdehnen. Derzeit besitzt die DeAM Anteile von 10 bis 15 % an 19 britischen Firmen. Die Zahl dieser Beteiligungen könnte sich laut Sternberg mehr als verdoppeln.

In Großbritannien, das sich gerne der höchsten Standards bei der Unternehmenskontrolle rühmt, mischen sich auch Interessenverbände auf den HVs ein. Der Verband der Pensionsfonds (NAPF) schreibt über alle 350 Firmen aus dem Leitindex der Börse London einen Corporate-Governance-Report. Auch bei bei diesen Berichten wird der Ton aggressiver. Außerdem ist jedes Unternehmen erstmals gesetzlich verpflichtet, die Aktionäre über die Vergütungsstruktur abstimmen zu lassen. Die zum Teil generösen Gehaltszuwächse bei fallenden Börsenkursen treffen auf wenig Gegenliebe: "Institutionelle Aktionäre machen sich in diesem Jahr stärker Sorgen", sagt ein NAPF-Sprecher. Allerdings rechnet er nicht mit einer viel höheren Verweigerungsquote: Der Verband forderte bei 4 000 vorgelegten Beschlüssen im Jahr 2002 nur in 6 % der Fälle eine Enthaltung, in weniger als einem Prozent eine Ablehnung.

Eine zu aggressive Haltung kann für Fonds auch gefährlich sein. Stuart Bell, Director des Research-Instituts Perk, sagt: "Die meisten Fonds sind Töchter großer Banken oder Versicherungen. Eine zu kritische Haltung könnte das Geschäft mit den Firmen verhageln - zumal diese leicht ermitteln können, wer einzelne Vorschläge abgelehnt hat."

Unter den deutschen Publikumsfondsgesellschaften ist die ebenfalls zur Deutschen Bank gehörende DWS Vorreiter in Sachen Corporate Governance. "Wir wollen den Firmen auf die Füße treten, aber nicht über direkten Einfluss", sagt DWS-Geschäftsführer Klaus Kaldemorgen. Allerdings verschärft das Haus sein Tempo: "Wir werden unsere HV-Auftritte forcieren und erweitern, weil das Blickfeld zunehmend europäischer wird" (Tabelle).

Die Publikumfondsgesellschaft der genossenschaftlichen Banken mischt ebenfalls kräftig mit. Mit Blick auf die DeAM-Initiative meint Jens Wilhelm, Leiter des Aktienfondsmanagements bei Union Investment: "Diese Kapitalmarktpolizei ist ein gutes Korrektiv für Vorstände, die dann wissen, es gibt jemanden, der Verstöße gegen gute Unternehmensführung ahndet." Grundsätzlich gehe es bei Corporate Governance darum, Fehlverhalten öffentlich zu machen und entscheidende Aktionärsrechte auf HVs wahrzunehmen. "Vor allem bei der Genehmigung von Aktienoptions- und Vergütungsprogrammen bewegen sich manche Firmen am Rande der Selbstbedienung", ergänzt Union-Sprecher Rolf Drees.

SEB Invest will auf dem Allianz-Aktionärstreffen am nächsten Dienstag eingreifen. "Wir werden gegen die Neuwahl des Aufsichtsrates stimmen", sagt Christoph Körfgen, Leiter des Aktienfondsmanagements bei der SEB-Fondstochter. Er fordert: "Ehemalige Vorstandsvorsitzende sollten nicht automatisch den Vorsitz im Aufsichtsrat übernehmen, wie das bei Schulte-Noelle der Fall sein wird." In diesen und ähnlichen Fällen, den "Auswüchsen der Deutschland AG", wolle man in Zukunft opponieren.

In Amerika gelten Pensionsfonds als Pioniere der Corporate Governance. Der Größte legte sich erst gestern mit dem Börsengiganten General Electric an: Bei der Hauptversammlung forderte der Pensionsfonds der öffentlich Bediensteten Kaliforniens (Calpers), dass General Electric sein Aktienoptionsprogramm ändere. Künftig sollen die Firmenmanager nur noch profitieren, wenn die Aktie des Konzerns sich besser entwickelt als ein Vergleichsindex. John Sweeney, Präsident des mächtigen Gewerkschaftsverbandes AFL-CIO, hat die Unternehmensführung zur Chefsache gemacht. "Wir haben über hundert Anträge formuliert, die wir in dieser Hauptversammlungssaison einbringen werden", sagte Sweeney vergangene Woche bei einer

Konferenz in New York. Sein Verband ist maßgeblich beteiligt an der Verwaltung mehrerer Pensionsfonds.

Weder Calpers noch die Pensionsfondsmanager von AFL-CIO wollen bislang in den Aufsichtsrat der Unternehmen, deren Aktien sie halten. "Wir glauben, dass eine Doppelfunktion als Treuhänder der Pensionsfonds-Eigner und als Verantwortlicher im Management das Risiko eines Interessenkonfliktes birgt", äußert sich Calpers-Pressesprecher Brad Pacheco - ähnlich wie Stuart Bell. type="person" value="? Bell, Stuart" />

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