Gehaltwahnsinn führt an den Rand des Ruins
Ende der Fahnenstange im italienischen Fußball

Knapp jeder zweite Fußball-Profi in Italiens Serie A kassiert über eine Million Mark jährlich. Kein Wunder, dass kein einziger Klub in der vergangenen Saison einen operativen Gewinn auswies. Doch nun wollen die ersten Klubs die Gehälter ihrer Profis kürzen.

Wenn man italienische Jungs fragt, was sie einmal werden wollen, kommt die Antwort noch flotter als anderswo: "Calciatore!". In den leuchtenden Augen scheinen sich dann neben Ehrgeiz und Stolz auch Lire-Zeichen zu spiegeln.

Denn nirgendwo werden Profi-Fußballer derart mit Geld überschüttet, wie in der schönsten Liga der Welt: Italiens Serie A. Fast die Hälfte der Verträge mit den Spielern sieht Gehälter von umgerechnet einer Million Mark aufwärts vor. 171 der Gladiatoren der Moderne kassieren sogar jenseits der zwei Millionen-Grenze. Und einer wie "Bomber" Gabriel Batistuta vom Meister AS Roma ist seinem Arbeitgeber glatt 14 Millionen Mark pro Saison wert. Täglich 38 356 Mark.

Doch darüber freuen sich nur Del Piero, Inzaghi und Co. "Wie es mir geht? Schlecht geht es mir, denn ich fühle mich arm", klagte kürzlich Adriano Galliani, Vorstandschef des AC Milan und Vizepräsident des Fußballverbandes Federcalcio, über den Gehaltswahnsinn in der Wirtschaftszeitung "il sole 24 ore".

Letzte Saison hat der Klub des Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi 111 Millionen Euro für die Löhne seiner Kicker ausgegeben. Nach tiefroten Zahlen zieht der Verein jetzt die Reißleine und will die Honorare seiner verhätschelten Arbeitnehmer neu aushandeln. Und Lazio Rom, der Meister der Saison 1999/2000 hat beschlossen, ab dem kommenden Jahr die Gehälter um 30 Prozent zu kürzen - von 108 auf 77 Millionen Euro. AC Milan und Lazio hoffen, dass andere Klubs ihrem Beispiel folgen werden.

Claudio Sposito, Chef der Berlusconi-Holding Fininvest, sagt: "Die heute bezahlten Summen sind total unmoralisch. Denn hier handelt sich schließlich nicht um einen Star wie Michael Schumacher, sondern um zehn oder mehr Spieler einer Mannschaft, die derart absahnen!"

Die Lage: In der Serie A haben die Vereine nach Angaben von Federcalcio 2000/2001 1,2 Mrd. Euro Umsatz gemacht, wobei ein operativer Verlust von 723 Mill. Euro aufgelaufen ist. Keine einzige der 18 Erstliga-Mannschaften konnte einen Gewinn aus gewöhnlicher Geschäftstätigkeit ausweisen. Dies, obwohl gerade erst die Einnahmen aus den Fernsehübertragungen gigantisch gestiegen sind (vor allem dank Live-Berichterstattung im Pay-TV). Sie bestreiten nun rund die Hälfte der Budgets. "Im italienischen Fußball fressen heute die Gehälter und Abschreibungen auf die Spieler vollständig alle Einnahmen auf", lautet die bittere Analyse von Roberto Cozzi von der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Deloitte&Touche in Mailand.

Lediglich durch Gewinne bei Spielertransfers haben sich einige Klubs aus der roten Zone hieven können. Eine goldene Nase verdiente beispielsweise die "alte Dame" Juventus Turin mit dem Verkauf ihres Kreativdirektors im Mittelfeld, Zinedine Zidane, an Real Madrid (77 Millionen Euro) sowie ihres Top-Scorers Filippo Inzaghi an AC Mailand (41 Millionen Euro). Insgesamt haben sich alle erstklassigen Klubs am Anfang der Saison mit Personal im Wert von 880 Millionen Euro aufgerüstet. Und das Wunder: Trotz der nicht enden wollenden Preisspirale machten fast alle mit dem Spielerkarussell einen Reibach. Ohne diese Einnahmequelle stünde das ganze System - zumindest theoretisch - am Rande des Ruins.

Theoretisch, weil damit die Rechnung ohne den Wirt gemacht würde. Die Wirte - das sind die steinreichen Präsidenten der Klubs. Sie pumpen Millionen und Abermillionen in ihr prestigeträchtiges Hobby. So hat der Ölindustrielle Massimo Moratti in den letzten Jahren seinem Lieblingsspielzeug Inter Mailand rund 150 Millionen Euro überwiesen, um einen Monster-Kader von 42 Spielern zu finanzieren. Noch toller trieb es Franco Sensi, der ebenfalls mit Öl seine Kohle macht. Rund eine halbe Milliarde Euro soll er aus seiner Privatschatulle in seinen Klub AS Rom gesteckt haben, um sein fast schon religiöses Ziel zu realisieren: das "Scudetto", die Meisterschaft, an den Tiber zu holen.

Trotz aller Liebe zum Fußball: Unabhängige Beobachter kritisieren diese Praxis. So kann man beispielsweise in einer Analyse einer britischen Investmentbank lesen: "Der italienische Fußballmarkt beweist durch das hohe Maß an Sentimentalität seine Unreife. Hier zählen - anders als in England - vor allem die Emotionen."

Um diese Krankheiten zu heilen, schlägt Roberto Cozzi von Deloitte&Touche ein dreiteiliges Rezept vor: Erstens sollten die italienischen Klubs verbindliche Obergrenzen für die Größe des Kaders und die Höhe der Gehälter aushandeln, beispielsweise 70 bis 80 Prozent des Umsatzes. Zweitens sollten die Vereine mehr als die heute üblichen ein bis zwei Spiele innerhalb einer Woche bestreiten. Drittens schließlich müssten auch die Klubs in Italien in andere Wertanlagen investieren als nur in Spieler. "Es gibt hier keinen Verein, der ein eigenes Stadion besitzt, um es kommerziell zu nutzen", beklagt Cozzi. Das sei in England vollkommen anders.

"Aber von Manchester United zu sprechen, ist sowieso nichts anderes, als vom Paradies zu sprechen."

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