Geheimniskrämerei um Aufstellung
Völler setzt auf den "Kick" von Ballack

Keiner warnt mehr vor Gegner USA, alle denken schon an das große Finale in Yokohama. Der immer stärkere Glaube an die größte deutsche WM-Überraschung nach dem "Wunder von Bern" 1954 rückt das Viertelfinale in Ulsan für die DFB-Elf fast in die Rolle einer Pflichtaufgabe.

dpa ULSAN. "Es wäre fatal, so eine großartige Chance leichtfertig wegzuwerfen", schwor Rudi Völler sein Personal Stunden vor dem Anpfiff am Freitag (13.30 Uhr/ZDF und Premiere live) auf den Kampf gegen das Überraschungsteam USA ein. Spätestens auf dem Sonderflug am Freitag von Cheju Island zum Viertelfinalort Ulsan wurde auch dem letzten der 22 deutschen Kicker bewusst: So eine Gelegenheit kommt im Leben wahrscheinlich nie mehr wieder.

"Jetzt geht es erst richtig los. Jetzt hat man die Chance, legendäre Spiele zu machen", heizte Kapitän Oliver Kahn die Stimmung vor der Alles-oder-nichts-Partie gegen den 13. der FIFA-Weltrangliste ein. "Die Konstellation ist sogar ein bisschen günstiger als 1986", betonte Bundesliga-Verbindungsmann Karl-Heinz Rummenigge, der damals in Mexiko Deutschland als Kapitän überraschend bis ins Endspiel geführt hatte. Ein starker Wille, eine kompakte Spielweise und eine extreme Fitness: Mit den selben deutschen Tugenden wie vor 16 Jahren soll auch in Asien der Durchmarsch gelingen. "Die Vorzeichen sind nicht so schlecht. Wir sind gut drauf", formulierte Völler am Donnerstag fast aufreizend selbstbewusst.

Der Weltmeister von 1990 weiß genau: Im Halbfinale steht in dem Sieger aus der Partie Südkorea gegen Spanien am kommenden Dienstag in Seoul noch eine einzige ganz hohe Hürde vor der Traumreise in die Finalstadt Yokohama. "Jetzt merken wir auf einmal, welche Chance wir in der Hand haben", meinte der Teamchef. Allerdings ist die jüngste WM-Geschichte die größte Warnung für die DFB-Akteure, denn auch gegen Bulgarien war 1994 das Spiel schon vorher gewonnen, der Sieg gegen Kroatien schien 1998 eine Formsache. Doch beide Male fuhren die deutschen Spieler nach Hause.

Personell kann Völler nach eigener Aussage aus dem Vollen schöpfen, nachdem sich Christoph Metzelder im Training zurück gemeldet hatte. "Christoph hat das komplette Training mitgemacht und danach in seinem Knöchel nichts gespürt. Ich gehe davon aus, dass es klappen wird", sagte der 42-Jährige. Für den geschlauchten Michael Ballack, der auf ärztliches Anraten beim letzten Geheimtraining in Seogwipo nur gelaufen war, besteht keine Gefahr. "Doktor Müller-Wohlfahrt war ein bisschen ängstlich", verriet Völler. Aber beim Abschlusstraining am Donnerstagabend im "Ulsan Munsu Football Stadium" war der 25-jährige Neu-Münchner wieder voll dabei.

Für Völler ist auch ein Ballack, der nicht hundertprozentig fit ist, unverzichtbar: "Ich bin trotzdem hochzufrieden mit seiner Leistung. Vielleicht kann er nochmal diese paar Prozent mehr in die Waagschale werfen, um der Mannschaft den Kick zu geben, den wir sicherlich auch brauchen." Auch hier denkt der Weltmeister von 1990 bereits einen Schritt weiter: "Wenn wir im Halbfinale eine Chance haben wollen, brauchen wir einen Michael Ballack, der noch ein bisschen was zuzusetzen hat."

Über die Zusammensetzung der Startelf gegen die Amerikaner, die bei diesem WM-Turnier mit Siegen gegen Portugal (3:2) und Mexiko (2:0) schon zwei Mal überraschen konnten, breitete der Teamchef ansonsten wie immer den Mantel des Schweigens. Doch trotz der Geheimniskrämerei kamen einige Details ans Licht: Jens Jeremies verriet selbst, dass er nur zweite Wahl ist. Der forsche Sebastian Kehl kommt trotz der guten 45 Minuten gegen Paraguay als Abwehrchef nicht in Frage. Oliver Neuville hat offenbar sein Siegtor gegen die Südamerikaner keinen entscheidenden Vorteil gegenüber Carsten Jancker verschafft. Und die im Achtelfinale gesperrten Dietmar Hamann und Christian Ziege nehmen wieder ihre Positionen ein.

"Wir brennen auf das Spiel, ganz klar. Das hat man auch beim Training gemerkt", stellte Völler fest. Zwar gestand er den US-Boys die bessere psychologische Ausgangsposition zu: "Die haben nichts zu verlieren, das macht sie so gefährlich." Doch der bei seiner ersten WM gereifte und total ehrgeizige Völler nimmt in seinem 26. Spiel als Verantwortlicher der DFB-Elf die Favoritenrolle an. "Wir müssen Druck machen, das Tempo hochhalten und die Amerikaner zu Fehlern zwingen", verlangte der oberste deutsche Fußball-Lehrer, auf den am Freitag wieder alle Augen gerichtet sind. Der ehemalige Task-Force-Chef Rummenigge sieht im Teamchef den Hauptgrund für den Aufschwung: "Das wichtigste ist die Person Rudi Völler, die das Ganze stabilisiert hat."

Ein K.o. gegen die Basball-, Football- und Basketball-Nation USA allerdings würde die Aufbruchstimmung, die dem deutschen Fußball vor allem in Hinblick auf die WM 2006 im eigenen Land mehr als gut tut, auf einen Schlag wieder kippen. Dessen sind sich auch Völler und seine Spieler bewusst. "Da muss man kein Prophet sein, da wäre man sicherlich enttäuscht, auch die Mannschaft", betonte Rummenigge.

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