Geiselnehmer gefasst
Alle Geiseln sind frei

Nach einer 20-stündigen Verfolgungsfahrt von Niedersachsen bis in die Ukraine haben die drei Bankräuber von Wrestedt am Mittwoch nach Polizeiangaben ihre letzte Geisel unversehrt frei gelassen. Die Täter wurden noch am Nachmittag von der ukrainischen Miliz gefasst.

HB rtr/dpa Warschau/Riwne/Kiew. Die 39 Jahre alte Bankangestellte aus dem niedersächsischen Wrestedt, die sich zuerst befreien konnte, ist nach dem Ende der Geiselnahme auf dem Weg nach Deutschland. Nach Angaben eines Sprechers der deutschen Botschaft in Warschau flog sie um 21.30 Uhr an Bord eines Polizeihubschraubers in Warschau ab und wird nach einem Zwischenstopp im westpolnischen Posen (Poznan) gegen Mitternacht an einem nicht näher genannten Ort in Berlin landen.

Die Frau sei von einem Botschaftsarzt untersucht worden und sei in gutem Zustand, sagte der Gesandte Thomas Läufer. "Sie hat die Situation gut bewältigt und war sehr tapfer." Seit dem Überfall am Dienstag hatte sich die Frau in der Gewalt der drei bewaffneten Bankräuber befunden und musste sie auf der dramatischen Flucht quer durch Deutschland und Polen begleiten. Auf einer Tankstelle in Polen gelang der Bankangestellten schließlich in einem unbeobachteten Augenblick die Flucht.

Ihre 25 Jahre alte Kollegin, mit der die Geiselnehmer weiterfuhren, wurde erst nach Verhandlungen mit der Polizei in der Ukraine freigelassen. Sie befand sich am Abend noch in der Obhut der deutschen Botschaft in Kiew.

Die Täter wurden noch am Nachmittag von der ukrainischen Miliz gefasst und sitzen mittlerweile in der Stadt Rowno in Untersuchungshaft. Die Geiselgangster waren mit ihrem Auto und den Geiseln streckenweise mit bis zu 200 Stundenkilometern unterwegs.

Alle drei Täter im Alter von etwa 24 bis 27 Jahren haben die deutsche Staatsangehörigkeit und wohnen nach Polizeiangaben in Hamburg. Zwei sind vermutlich Aussiedler aus Kasachstan. Ihre Irrfahrt sei "völlig planlos" verlaufen, sagte Einsatzleiter Friedrich Schmidt am Mittwochnachmittag.

Die Odyssee hatte am Dienstag nach einem Überfall auf eine Sparkasse in Wrestedt bei Uelzen begonnen. Ohne jede Rücksicht und mit einem Polizei-Konvoi im Nacken rasten die Männer quer durch Deutschland und Polen bis in die Ukraine. Sie durchfuhren mit einem silbernen Seat-Kleinwagen mehrere Grenzposten und gaben aus dem Auto etliche Schüsse ab, aber hielten immer wieder an, um sich zu orientieren.

In der West-Ukraine war die Verfolgungsjagd schließlich vorbei. Der Polizei gelang es, den Gangstern ein Handy für weitere Verhandlungen zu übergeben. Alexander Gapon, Staatssekretär des ukrainischen Innenministeriums, sagte, er habe selbst einen Sohn in diesem Alter und habe deshalb "wie ein Vater" drei Stunden lang auf die Entführer eingeredet, sich zu ergeben. Etwa 20 Kilometer östlich der Stadt Rowno ließen die Bankräuber, die nur schlecht Russisch gesprochen hätten, ihre zweite Geisel frei und ergaben sich kampflos. Vor ihrer Festnahme sollen sie noch versucht haben, die Beamten zu bestechen.

Erinnerungen an Gladbeck

Über eine Auslieferung nach Deutschland müsse die Justiz entscheiden, hieß aus Kiew. Bei der Verfolgungsfahrt hatten die die Beamten aus Rücksicht auf die Geiseln nicht zugegriffen. Nach Angaben des polnischen Innenministers Krzysztof Janik waren offensichtlich "Profis" am Werk. Die Bankräuber hätten stets so im Auto gesessen, dass kein Zugriff ohne akute Gefährdung ihrer Opfer möglich war.

Bei einem Tankstopp in Polen konnte sich die 39-jährige Geisel aus der Gewalt der bewaffneten Räuber in einen Streifenwagen retten. Die andere Geisel, eine 25-Jährige, wurde später in der Ukraine "freiwillig" freigelassen, wie die Polizei mitteilte. Die 39-Jährige sollte noch am Abend aus Warschau nach Deutschland zurück fliegen. Ihre Kollegin sollte ihr bis spätestens Donnerstag folgen.

Die Bilder der Irrfahrt weckten Erinnerungen an das Geiseldrama von Gladbeck: Nach einem Banküberfall im August 1988 begann dort ein 54-stündiges Drama mit zeitweilig bis zu 35 Geiseln. Bilanz der kreuz und quer durch den Westen und Norden Deutschlands und auch in die Niederlande führenden Geiselnahme: zwei erschossene Menschen und ein tödlich verunglückter Polizist. Die beiden Täter wurden zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt.

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