Geistliche Führer vermitteln im Irak
Mit Allah gegen Bush

Als sich der junge Mullah vor die gerade neu eröffnete Klinik stellt, droht für einen Moment die Stimmung zu kippen. "Warum behandelt ihr auch Sunniten", fragt er in aggressivem Ton die Ärzte, die vor dem weiß gestrichenen Haus stehen. "Ihr sollt für die Schiiten da sein, das ist eure Aufgabe." Schließlich tritt Alexander Christof, Leiter der deutschen Hilfsorganisation Architekten für Menschen in Not, dazwischen. Christof vermittelt, beschwichtigt. Später sagt er verärgert: "Bitte nicht schon wieder diese ewig gleiche Diskussion. Nicht jetzt."

BAGDAD. Denn dort, wo sich diese Szene abspielt, sollte kein Platz sein für ethnische Bruchlinien. Der Bagdader Stadtteil Hay-Almahdi ist das Armenhaus der Hauptstadt. Rund 30 000 Menschen leben dort an dreckigen, staubigen Straßen, die sich bei Regen in Schlammwege verwandeln. Die Kinder spielen zwischen Müllbergen und trinken verseuchtes Wasser aus leckgeschlagenen Rohren. Hay-Almahdi ist der vergessene Teil Bagdads. Hierher wagen sich nicht einmal die amerikanischen Patrouillen. So wie Saddam City, das inzwischen Revolution City heißt, ist Hay-Almahdi "off limits". Hier ließen sich weder Saddams Leute blicken, noch werden dies die neuen Herrscher tun. Die Macht haben andere.

"Natürlich muss ich mit den Mullahs mitspielen, wenn ich etwas erreichen will", sagt Christof. Seine Organisation will mit mehreren Behandlungszentren das Elend vor Ort bekämpfen - und muss sich mit den vorhandenen Strukturen arrangieren. In Hay-Almahdi ist dies die schiitische und sunnitische Geistlichkeit, die das Machtvakuum inzwischen auch ganz offiziell ausfüllt. Ohne die Unterstützung des örtlichen Mullahs hätte Christof seine kleine Klinik, die täglich zwischen 500 und 600 Patienten betreut, nicht aufbauen können. Und ohne deren Schutz wird er sie auch nicht lange halten können.

Doch noch ist ein Konflikt zwischen den beiden großen islamischen Bewegungen, den Schiiten, die im Irak mit 60 Prozent die Mehrheit der Bevölkerung stellen, und den Sunniten, nicht programmiert. Zumindest nicht auf der obersten Ebene: An den Ringmauern um das größte schiitische Gotteshaus Bagdads, die Moussa- Al-Kadum-Moschee, hängen Plakate mit buchstäblich unerhörten Aufforderungen: "Keine Schiiten, keine Sunniten, nur islamische Einigkeit" steht dort in verschiedenen Variationen geschrieben. Noch nie habe man solche Parolen im Irak hören können, staunen die Besucher.

Der schiitische Mullah Mortada al-Mussawi aus der heiligen Stadt Najaf, der gerade auf dem Weg in die Moschee ist, bestätigt dies: "Es gibt keinen Bruch zwischen unseren Religionen. Dafür eben Einigkeit: etwa in der klaren Ablehnung der amerikanischen Besatzung. Auch wenn sie Saddam gestürzt haben, sie sind Invasoren, und wenn ich sie auf unseren Straßen sehe, dann bricht mir das Herz."

Nur ein paar Steinwürfe weiter auf der anderen Seite des Tigris im Stadtteil Adamia ist der Grund für die tiefe Ablehnung der Amerikaner regelrecht mit Händen zu greifen. Denn als die US-Truppen in Adamia einrückten, stießen sie auf heftigen Widerstand. In Gefechten mit bewaffneten Bürgern - die irakische Armee hatte sich bereits aufgelöst - sollen mindestens 35 Iraker gefallen sein.

Als ein Zentrum des Widerstands galt auch die Abu-Hanifa- Moschee, eine der größten sunnitischen Moscheen weltweit. Die Amerikaner stürmten die Moschee und drangen bis zum heiligen Grabmal des Kalifen vor. Mit einer Panzerfaust sollen sie die Tür zum Grab zerstört haben, wertvolle Fenster und Dekorationen gingen zu Bruch. Granateinschläge verwüsteten den angrenzenden Friedhof der Moschee. Schließlich wurde ein Minarett am Eingang von einer Rakete durchschlagen. Der schwer beschädigte Gebetsturm steht nun dort wie ein Fanal - gegen die neue Macht.

Der vor zwei Wochen neu gewählte Imam der Moschee, Scheich Moaed al-Adami, kann all das nur als gezielten Angriff auf den Islam verstehen: "Sie wollten uns Moslems verletzen. Deshalb haben sie auch nicht vor einer Moschee Halt gemacht." Der Imam kann immer noch nicht fassen, was geschehen ist. Wieder und wieder deutet er auf die Zerstörungen in seinem Gotteshaus. Zwar räumt er ein, dass sein inzwischen verschwundener Vorgänger in der Moschee zum aktiven Widerstand gegen die USA aufgerufen habe, "doch die Landesverteidigung ist das legitime Recht eines Volkes", sagt er. Und: "Aus der Moschee ist kein einziger Schuss abgefeuert worden."

Es ist dieser Punkt, an dem sich Schiiten und Sunniten in diesen Nachkriegstagen treffen. Sosehr sie den Sturz des Tyrannen begrüßen, so wenig wollen sie eine amerikanische Besetzung. Also umarmt auch der einflussreiche Imam die Schiiten mit warmen Worten. Beide Religionen seien "freundlich" zueinander. Ja, man sei eigentlich wie "Brüder".

Gerade erst vor einer Stunde sei er über die Brücke nach Kadamia gegangen, zur schiitischen Moschee. "Saddam hat diese Kluft zwischen uns erst geschaffen", sagt der Scheich Moaed al-Adami. "Und die ist unnatürlich."

Tatsächlich berufen sich die Schiiten im Unterschied zu den Sunniten auf Ali ibn Abi Talib als den Führer (Imam) der Gesamtgemeinde. Ali war ein Vetter Mohammeds und ist in den Augen der Schia, der "Partei Allahs", der rechtmäßige Nachfolger des Propheten. Anhänger dieser Glaubensrichtung erkennen die Kalifen der Sunniten nicht an.

Der Imam steht mit seiner Sicht der Dinge nicht alleine da. Auch außerhalb der Moschee wird diese Einschätzung geteilt. "Sunniten und Schiiten wurden jahrzehntelang im Irak gegeneinander ausgespielt", sagt Politikprofessor Kamis al-Badri von der Universität in Bagdad. "Früher, vor Saddam Hussein, gab es doch auch keine Probleme zwischen diesen beiden Religionen."

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
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