Geld für die Industrie
Musiktauschbörse Napster kassiert künftig Gebühren

Der Musiktauschdienst Napster will Abos für 2 bis 10 $ pro Monat anbieten und der Musikindustrie in den nächsten fünf Jahren zusammen 1 Mrd. $ Gebühren überweisen. Im Gegenzug sollen die Musikfirmen Napster ihre Musikkataloge zur Verfügung stellen. Der freie Napster-Dienst wird im Juli eingestellt.

SAN FRANCISCO. Ein schöneres Geschenk hätte Shawn Fanning der Musikindustrie am Vorabend der Verleihung der legendären Musik-Oscars, der Grammys, kaum machen können. Der Gründer der umstrittenen Musiktauschbörse Napster legte am Dienstag in San Francisco Details des geplanten kommerziellen Musikdienstes Napster offen und läutete gleichzeitig damit das Ende des freien, unkontrollierten Napsters ein. Zusätzlich offeriert Napster der Musikindustrie eine Garantiezahlung von 1 Mrd.$ an Copyright-Gebühren, verteilt auf fünf Jahre, erklärte Napster-CEO Hank Barry. Napster, so die Aussage, wird zur "Promotionmaschinerie" der Musikindustrie.

Im Gegenzug sollen neben der Bertelsmann-Tochter BMG auch die übrigen Majors (Universal Music, Sony, EMI und Warner) ihre Musikkataloge für Napster freigeben und anhängige Urheberrechtsklagen niederschlagen. Von den 200 Mill. $ pro Jahr sollen 150 Mill. $ auf die fünf Majors und 50 Mill. $ auf die Independent-Labels (unabhängige kleinere Produzenten) entfallen. Um diese Milliarde als Profit zu erzielen, müsste die Musikindustrie für rund 5,4 Mrd. $ zusätzliche CD verkaufen, rechnet Bertelsmann-E-Commerce-Chef Andreas Schmidt vor.

Die Gesamtsumme dürfte auch deshalb so hoch ausgefallen sein, weil darin stillschweigend eine Kompensation für etwaige Copyright-Verletzungen der letzten Monate enthalten sein dürfte. Die Musik-Webseite MP3 hatte sich seinerzeit für rund 163 Mill. $ mit der Industrie geeinigt. Bertelsmann-Vorstandschef Thomas Middelhoff erklärte, dass US-Lobbyist Joel Klein, früher Chefankläger gegen Microsoft, jetzt bei Bertelsmann tätig, mit allen Beteiligten nun Verhandlungen über einen "juristischen Waffenstillstand" und eine außergerichtliche Beiligung der Streitigkeiten aufnehmen soll.

Die Monatsgebühren für das neue Napster sollen zwischen 2,95 $ und 9,95 $ liegen. Dafür kann der Kunde dann entweder nur eine bestimmte Anzahl oder unbegrenzt viele Musikstücke aus dem Netz laden. Die Qualität der Musikfiles wird allerdings auf eine Samplingrate von 128 Kbit begrenzt (erst ab rund 160 Kbit nimmt das Ohr keinen Unterschied zur CD mehr wahr) und die Files sind nur noch mit einem speziellen Napster-Player anzuhören. Ein Brennen auf CD wird ebenso unmöglich sein wie der Transfer auf andere Abspielgeräte, es sei denn, es wird im Einzelfall erlaubt. So könnte Napster auch Lizenzverträge mit Hardware-Herstellern wie etwa Diamond (Rio-Player), Sony oder Siemens (MP3-Handys) abschließen, die ihre Geräte dann Napster-tauglich machen könnten.

"Extrem konservativ gerechnet", so Hank Barry, kämen im ersten Jahr bei nur 2 Mill. Nutzern rund 120 Mill. $ Abonnementgebühren in die Napster-Kassen, nach fünf Jahren sollen es dann bei 6 Mill. Nutzern 365 Mill. $ sein. Nach eigenen Angaben hat das freie Napster derzeit über 60 Millionen registrierte Nutzer.

Wenn die Kunden bezahlen, werden sie sich aber auch nicht mehr mit den Unzulänglichkeiten von Napster zufrieden geben: Abgebrochene Downloads, amateurhaft digitalisierte Files in mäßiger Qualität, überlastete Server. Napster soll in Zukunft immer erreichbar sein, heißt es, und unterbrochene Downloads sollen wieder aufgenommen werden können, ohne dass alles noch einmal von vorne begonnen werden muss. Im Premium-Service werden nur qualitativ hochwertige Files ausgetauscht, heißt es.

Die Eile, mit der jetzt der Wille zur Zusammenarbeit mit der Musikindustrie bekundet wird, ist nicht zuletzt dadurch begründet. Dass am Montag vergangener Woche ein Berufungsgericht in San Francisco Napster zwar erlaubt hat, seine Web-Seite offen zu halten, gleichzeitig aber keinen Zweifel daran gelassen hat, dass Napster gegen Urheberrechtsverletzungen vorzugehen hat. Das Urteil fiel unerwartet krass zu Ungunsten von Napster aus, so dass sich das Unternehmen entschloss, an die Öffentlichkeit zu gehen.

Eine Software der Bertelsmann-Tochter DWS, die bis zum Sommer einsatzbereit sein soll, wird dabei für die Einhaltung der Urheberrechte und die Abrechnung der einzelnen Tauschvorgänge zuständig sein.

Nach Informationen des US-Online-Magazins Wired.com hatte eine amerikanische Bundesrichterin zuvor am Montag einen Vermittler im Streit zwischen der Musikindustrie und der Musiktauschbörse Napster eingeschaltet. US-Richterin Marilyn Hall Patel hatte nach Angaben von Rechtsanwalt Russell Frackmann, der die US-Musikindustrie (Recording Industry of America Association) vertritt, den pensionierten Richter Eugene Lynch als Mediator ausgewählt. Repräsentanten und Anwälte beider Seiten waren, wie jetzt bekannt wurde, von der Richterin noch vor dem Urteil des 9th U.S. Circuit Court vom vergangenen Donnerstag zu den Vermittlungsgesprächen verpflichtet worden.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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