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Geld. Gier. Börsenrausch.

Indien ist im Aktienfieber. So alltäglich sind Allzeithochs geworden, dass sie keine Schlagzeile mehr wert sind. Ich besitze keine Aktien. Hätte ich welche, wäre es höchste Zeit zum Aussteigen.

Indien ist im Aktienfieber. So alltäglich sind Allzeithochs geworden, dass sie keine Schlagzeile mehr wert sind. Ich besitze keine Aktien. Hätte ich welche, wäre es höchste Zeit zum Aussteigen. Daran besteht nicht der geringste Zweifel mehr, seit mich heute morgen der Koch meines Hausbesitzers abpasste, verschwitzt und etwas verlegen, und mich fragte, wie man ein Transaktionskonto eröffnet und wo er einen Broker findet. Deccan Gold Mines will er kaufen. Ein Freund hat ihm gesagt, das sei ein sicherer Tipp. Der Koch glaubt, Aktien gingen immer nur nach oben, manche einfach nur schneller. Er hat keine Alterssicherung und keine Krankenkasse. Aber er ist bereit, ein paar über Jahre mühsam zusammengesparte Monatseinkommen auf den Nebenwert zu setzen. Indiens derzeitiger Börsenrausch ähnelt den kurzen, aktienseligen Jahren Ende der 90er in Deutschland. Ich hätte nicht geglaubt, das so bald wieder zu erleben. Seit 30 Wochen steigt der Leitindex Sensex ohne jede Unter brechung und nimmt alle psychologischen Barrieren im Sturm: 6000 Punkte, 6500, 7000, 7500. Sekretärinnen von Boom-Firmen im IT- oder Biotech-Sektor sind durch Aktienoptionen Millionär geworden. Verlagshäuser bauen ihre Wirtschaftsmedien aus und gründen Fernsehkanäle mit Namen wie "NDTV Profit". Journalisten werden heiß umworben und können ihre Gehälter bei jedem Wechsel kräftig steigern. Die Personalnot der Presse ist so groß geworden, dass jeder Abiturient, der einen Stift halten kann, eine Chance bekommt. Neureiche Hausfrauen, die sich für Finanzen nie eine Sekunde ihres Lebens interessiert hatten, solange ihr Gatte die Kreditkartenrechnung beglich, fachsimpeln bei Dinnerparties über Aktien. Selbst ein befreundeter Architekt mit nostalgischem Hang zum Marxismus streckt die Nase aus seinem Elfenbeinturm und gesteht - mit schlechtem Gewissen - dass er überlegt, ob er nicht doch auch einsteigen soll, wie alle anderen. Wo hört der harmlose, universelle Wunschtraum vom leichten Geld auf, wo beginnt hässliche, tumbe Gier? Die Grenze ist längst verwischt. Ich hoffe, der Sensex kracht bald zurück unter 6000 Punkte und erlöst mich von solchen Fragen über meine Bekannten und den Koch meines Vermieters.


Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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