Geld her - oder ich mache ein Start-up auf
First Tuesday und Big Forum Chat helfen Gründern

Im vergangenen Jahr, meldet der Bundesverband deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften, hielten die Mitgliedsunternehmen ein Portfolio von rund 13,5 Mrd. DM - ein Anstieg von 38 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.



4400 kleine und mittlere Unternehmen konnten sich über Kapitalzuflüsse freuen. Das Wachstum kommt vom Neugeschäft, das 1999 mit 5,2 Mrd. DM ein Rekordniveau erreichte. Wie viel vom Investitionsvolumen in Zukunftstechnologien fließt, ist unklar. Für 1998 kursiert ein Betrag von 1,3 Mrd. DM, aber Zahlen sind in diesem Segement nach Expertenmeinung "Schall und Rauch". Nicht jede Internetholding ist einem Verband angeschlossen, heißt es. Die Gesamtsumme, die derzeit im Markt sei, liege deutlich über den offiziellen Zahlen.

Dennoch bleiben Existenzgründer mit ihren Ideen oft einsam wie ein Single in München, und unter den mehr als 200 Wagniskapitalgesellschaften in Deutschland wächst der "Investitionsdruck". So umschreibt derzeit die Branche ein angebliches Kapitalüberangebot renditeinteressierter Investoren. Viel Geld ist also derzeit für interessante Ideen zu haben. Was fehlt, ist die Vorstellung davon, was Investoren wirklich wissen möchten, wie sie behandelt werden wollen und wie sie behandelt werden sollten. Beim dritten First Tuesday im Rheinland, dem Gründertreff der Branche, diesmal am 4. April in Köln, und tags darauf beim "Big Forum Chat" vom Venture Capital Forum NRW in der Düsseldorfer Börse, konnten Existenzgründer auch Antworten auf die Frage bekommen: "Wie sag ich's dem Investor?"

Im Mittelpunkt steht immer das Marketing - und der Mensch

"Marketing ist alles", sagt einer, der es wissen könnte. Immerhin ist Kai Kremer seit Jahren schon für die Helaba Beteiligungs-Management GmbH-Gesellschaft auf der Suche nach erfolgsversprechenden Geschäftsmodellen. Mit Marketing meint Kremer zunächst einmal Eigenmarketing, denn "Venture Capital ist von Personen getrieben". Da es sich um eine dauerhafte Zusammenarbeit handle, komme es darauf an, Personen zu finden, die "es wert sind, mit Vertrauen bedacht zu werden". Schnell verscherzt hat es sich ein ideenreicher Neugründer laut Kremer, wenn er bei der Frage der persönlichen Haftung passen muss. "Dass die private Vermögenslage nicht geklärt wird, ist das Hauptproblem", urteilt der Venture Capitalist.

Kremer rät indes auch dazu, sich nicht zu billig zu verkaufen: "Ein gutes Konzept sollte in der Regel mehrere Finanzierungspartner finden. Und die Gründer sollten immer auch Referenzen des Kapitalgebers einholen." Wichtig sei auch die Beteiligungshöhe. 50 Prozent sollten so schnell nicht überschritten werden. Allerdings sei das Machtverhältnis zwischen Kapital und Idee längst nicht mehr so einseitig wie noch vor einiger Zeit. "Wenn Beteiligungsgesellschaften heute ihre Rolle überstrapazieren, wird eben Konkurs angemeldet. Und aus der Asche erhebt sich ein neuer Internetphönix, der, wenn er auf einer guten Idee basiert, auch bei anderen Venture Capitalists auf Interesse stoßen wird.

Denn eines steht fest: Die alten Fehler wird der Unternehmer nicht mehr machen." Jungen Unternehmern rät der erfahrene Venture Capitalist beim First Tuesday dazu, erst einmal bei weniger attraktiven Geldgebern zu üben, um auf Fragen besser antworten zu können und auch, um die Mentalität der Risikokapitalgeber kennen zu lernen.

Kennen lernen können die Jungunternehmer bei diesem First Tuesday jedoch nur wenige Venture Capitalists. "Die Top-Venture Capitalists sitzen eben in München, Berlin, Hamburg und Düsseldorf", sagt Tilman Laurence Gabriel, Gründer der Mietsoftwarefirma just use. "Noch ist der Investitionsdruck nicht so gross, dass die Venture Capitalists aufs Dorf fahren."

Wenn Gabriel keine Gemeinheiten über Köln sagt, schuftet er in seiner Krefelder Firma oder sucht nach Kapitalgebern. Noch hat just use zwar keine Büroräume, aber die Zielrichtung ist Gabriel, dem Hintergrund in der Unternehmensberatung mit dem großen Namen sei dank, schon klar. "Der Markt ist jetzt reif dafür", hat er beobachtet. Wichtigstes Kriterium bei der Suche nach Geldgebern ist für Gabriel der gute Draht zum neuen Partner. "Der Venture Capitalist macht das ja genauso", sagt er. Am Ende der Investitionsrunden soll, "sozusagen als Krönung", ein Börsengang folgen. Nicolaus Wilhelm ist ein anderer Neugründer und stolz darauf, dass "er nicht bei McKinsey war wie all die anderen". Dem potenziellen Geldgeber - das genaue Projekt ist noch geheim - hat er gesagt, dass er schon drei Monate in der Klinik war. Burn out syndrom, ausgebrannt nach steiler Karriere und darauf folgender Arbeit im elterlichen Betrieb. Wilhem hat die Mittelzusage bekommen. "Marketing ist alles? Das interessiert mich nicht", sagt er. "Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es nicht lohnt, sich zu verbiegen." Geholfen hat ihm jedoch der Rückhalt, den er im vertrauten Umfeld verspürt hat.

To be the prettiest girl in town

Etwas anders formuliert den Vorteil der richtigen Beziehungen Oliver Samwer. Samwer ist der Vorzeige-Unternehmer der deutschen Internet-Szene, ein Jungspund, der mit ins Podium geholt wird, wenn distinguierte Herren darüber diskutieren, ob "Deutschland das Zeug zur new e-conomy" hat wie am Mittwoch abend in der miefigen Börse zu Düsseldorf. Da, wo Samwer schon ist, weit unter 30, wollen viele noch hin, und ein bisschen von der jugendlichen Frische, der T-Shirt mit Turnschuh-Lässigkeit, hätten sie vielleicht auch gern. "Vice President eBay Europe", heißt Samwers Titel. Samwer darf schon jetzt über das Internet dozieren wie sonst nur ein Leitartikler der "Zeit" - "Es war eine Generation, in der niemand mehr Erfahrung hatte, als die, die es zuerst getan haben" - und zu mehr Gründergeist aufrufen.

130 Mitarbeiter beschäftigt das Auktionshaus nach nur 13 Monaten, diese Erfolgsstory ist fast so bekannt wie Samwas Lebenslauf. "Wir waren einfach drei Freunde", pflegt Samwa zu sagen. Und irgendwo dazwischen stehen noch McKinsey, Deutsche Bank, Gerling, die Studienstiftung des Deutschen Volkes, amerikanische Elite-Unis und ein Kartoffelunternehmen in Chile. EGO International Trading hat Samwa im Auslandssemester gegründet. Inzwischen werden aber keine Kartoffeln mehr exportiert. Wozu auch? "Spater kam einfach was anderes dran", sagt Samwer. Der vielfach Umworbene fühlt sich berufen, sein Wissen weiter zu geben. Andere Gründer sollen es einfacher haben, hofft er. Ganz entscheidend zu seinem Erfolg beigetragen hat seiner Ansicht nach ein Netzwerk guter Kontakte. Das zeigte sich auch bei der Finanzierung. Erster Geldgeber war ein Professor von der Universität in Koblenz, an der Samwer studiert hat.

50 000 DM hat der Akademiker zu alandao - dem Auktionshaus, das später von Ebay gekauft wurde - beigesteuert. "Das muss für den eine richtige Summe gewesen sein", rückt Samwer die Dimension zurecht. Überhaupt sei es das Wichtigste, bei Unternehmensgründungen mit Personen in Kontakt zu treten, die "man vielleicht beim Praktikum, an der Universität oder in der Unternehmensberatung" kennen gelernt hat. "Am besten ist ein Business Angel. Denn der bringt am schnellsten Geld, er bringt Glaubwürdigkeit, und er bringt außerdem ein Netzwerk." Andere Investoren seien dann dazu gut, noch mehr Geld und Professionalität ins Unternehmen zu bringen. Der Unternehmer müsse dabei immer nach einer Maxime handeln, wenn er die Geldgeber von sich überzeugen wolle: "To be the prettiest girl in town".

Was das im Einzelfall bedeute, hänge von den Umständen ab. Manchmal gehe es darum, Know-how zu bekommen, mal Beziehungen und manches Mal auch nur den guten Namen. An seine Gründererfahrungen kann Samwer sich noch gut erinnern. "Ich sage es ganz ehrlich: Es war damals schwieriger. Wir haben nie gedacht, dass wir Geld bekommen." In den Anfangszeiten sei mal Stephan Schambach da gewesen, erinnert sich Samwer. Aber der Intershop-Gründer "kam mehr von der Technik-Seite". Inzwischen berät Samwer selbst die Start-ups. 15 bis 20 Mails bekommt er am Tag. Inzwischen sei es etwas einfacher mit den Gründungen geworden, findet er und verweist auf die schon etablierten Internetunternehmen in Hamburg, Berlin oder München. "Die Venture Capitalists erwarten nicht mehr." Dringend abraten muss Samwer aber vom Trial and Error-Prinzip bei der Geldbeschaffung. "Das Problem ist: Das spricht sich schnell rum."

Aus Erfahrung gut

Hätte es ein Stephan Schambach auch fertig gebracht, heute als "prettiest girl in town zu gelten"? Gar kein Englisch konnte der Ostdeutsche anfangs, erinnert sich ein Venture Capitalist mit Schaudern. Schleunigst habe man ihn zum Crashkurs schicken müssen. Aber sein gutes Geschäftsmodell sei trotzdem erkannt und gefördert worden. Zu guter Betreuung durch den Finanzpartner gehöre eben auch eine rundum professionelle Begleitung. Dennoch stellen sich Neugründer inzwischen manchmal die Frage, ob sie noch jung genug sind, um überhaupt als Internet-Gründer gelten zu dürfen. Auch Florian Hoffmann wird gelegentlich von diesem Zweifel umgetrieben.

Fünf Unternehmen hat er schon aufgemacht. intereasy, ein neuartiger Internetkatalog mit strikter Pfadstruktur, ist sein jüngstes Projekt, und Hoffmann weiß sehr wohl, dass es sich dabei um etwas anderes handelt als die Kanzlei, die Veranstaltungshalle, die Porzellanmanufaktur und die Hosenfabrik, die er zuvor ins Leben gerufen hat. Hoffmann setzt auf Lebenserfahrung. Die Parole "Just do it", in der Diskussion als Schlagwort für den neuen Wirtschaftsstil genannt, bedeute auch "durch stehen, schlaflose Nächte" sagt er.

Hoffmann, der die Brücken zur alten Wirtschaftswelt zwar abgebrochen hat, dennoch aber stolz darauf, dass "sein" Porzelanwerk in Thüringen noch floriert, hat andere Zeiten erlebt. Zeiten, als Gründer nicht wohl gelitten waren. Venture Capitalist Kremer jedenfalls weiß Erfahrung zu schätzen: "Wer direkt von der Uni kommt, macht nicht den großen Wurf", befindet er. "Alles andere ist eine Mär."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%