Geldgeber
Aktienauswahl wird zur Kunst

In ein paar Tagen darf aus gegebenem Anlass getrauert werden: Ein Jahr Crash bei den Technologieaktien. Und noch immer sind nicht alle Gräber für die High-Techs ausgehoben worden. Die Pessimisten spekulieren nun bereits, ob sich die Börsenseuche demnächst sogar auf die bisher Widerstandsfähigen ausbreitet.

Jedes Horrorszenario beginnt derzeit in den USA. Wo sonst? Denn dort hat schließlich in den letzten Jahren die Musik gespielt. Und von dort ist auch der weltweite Einbruch der Wachstumsaktien ausgegangen. Folgt nun als nächstes der berühmte Dow-Jones-Index, dessen 30 Werte sich in den letzten zwei Jahren auf hohem Niveau wacker gehalten haben? Charttechniker befürchten dies seit einiger Zeit. Sie haben eine sogenannte Diamantenformation ausfindig gemacht. Ihre These: Entweder geht es nun steil nach oben oder eben nach unten. Für letzteres spricht mehr, wenn man sich die Konjunkturdebatte um die USA vergegenwärtigt.

Kommt es doch zu einer etwas härteren Landung, dann dürften auch die Börsenschwergewichte im Dow demnächst mit Gewinnwarnungen auffallen. Und wenn erst einmal ein Konzern anfängt, vermuten Anleger natürlich auch sofort bei anderen Ungemach. Der Börsenzug nach unten könnte so - nach bekanntem Muster - schnell an Fahrt gewinnen. Noch ist es nicht soweit. Im Gegensatz zu den High-Tech-Aktien hat sich die breite Masse der Standardwerte in den USA in den letzten zwölf Monaten gut gehalten. Knapp zwei Drittel der im S&P-500-Index notierten Titel haben den High-Tech-Crash sogar mit einem Plus überstanden. Zum Vergleich: Von den 100 Nasdaq-Schwergewichten haben es seit Beginn der Talfahrt noch nicht mal 20 geschafft, überhaupt Kursgewinne auszuweisen.

Man sollte sich allerdings von der Angst vor weiteren Einbrüchen nicht das Gehirn vernebeln lassen. Entscheidend für den Börsenerfolg ist auf lange Sicht auch, rechtzeitig die Verluste zu minimieren. Das heißt derzeit also: Entweder Gewinne mitnehmen oder für den Ernstfall Stopp-Kurse so setzen, dass man bei einer Dow-Talfahrt rechtzeitig draußen ist. Gehandelt wird derzeit zum Beispiel die Marke von 10 300 Punkten. Sicherlich psychologisch wichtig dürften aber auch die runden 10 000 Punkte sein. Außerdem sollte man die Kirche im Dorf lassen. Es werden nicht alle Aktien gleich stark abschmieren.

Diese Erfahrung konnte man ja auch schon in den letzten zwölf Monaten machen. Auch in Europa haben sich ja knapp zwei Drittel der 500 größten Standardwerte in der Gewinnzone gehalten. Geprügelt werden jene Aktien, die den Markt enttäuschen. Stock-Picking ist also angesagt. Anleger müssen mehr denn je gründlich die Fundamentaldaten analysieren und den Kursverlauf bewerten. Welcher Wert ist überbewertet, wo könnte noch Potenzial liegen? Vorsichtig sollte machen, dass mancher defensiver Standardwert in den USA bereits ein vergleichsweise hohes Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) ausweist. Das fällt besonders stark auf, wenn man das KGV in Beziehung zu den erwarteten Wachstumsraten beim Gewinn setzt.

Was bedeuten die Horrorgemälde für Europa? Die Pessimisten werden behaupten, der Kontinent werde sich nicht abkoppeln können von einer Baisse in den USA. Andererseits: Das Geld, das in den USA abfließt oder dort nicht mehr hinwandert, braucht einen anderen Anziehungspunkt. Die Zinsen sind im Moment niedrig, zu niedrig für viele. Also warum nicht in europäische Aktien? Dies wäre die positive Variante. Entscheidender als bisher wird aber auch in diesem Szenario die Auswahl der Einzelwerte. Gut möglich, dass die goldenen Zeiten für Stock-Picker gerade erst anbrechen.

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