Geldpolitik
Analyse: An Greenspan soll die Welt genesen

Alan Greenspan soll es wieder richten. Die Finanzmärkte und die wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger der Welt verlassen sich darauf, dass der US-Notenbankchef alles tut, um die stotternde Lokomotive der Weltwirtschaft in Gang zu halten.

Das Statement, das die Notenbank am Dienstag nach ihrer Sitzung abgab, deutet stark darauf hin, dass Greenspan die Erwartungen nicht enttäuschen und die Zinsen bald senken will.

Da der Crash der Aktienkurse auf Raten die Lage für die ohnehin schon sehr schwache US-Konjunktur immer bedrohlicher macht, bleibt Greenspan kaum etwas anderes übrig, denn darauf, dass die anderen Mitglieder des Geleitzugs Weltwirtschaft ihre Triebwagen endlich unter Dampf setzen, kann er nicht warten.

Dabei wird es immer offensichtlicher, dass der amerikanischen Notenbank ebenso wie der US-Finanzpolitik der Treibstoff bald ausgeht. Die Leitzinsen bewegen sich auf die Null-Grenze zu, das US-Staatsdefizit beginnt aus dem Ruder zu laufen.

Mit jeder weiteren Maßnahme zur Stimulierung des heimischen Konsums trägt Greenspan aber dazu bei, das riesige Defizit der USA im Handel mit der übrigen Welt noch zu vergrößern. Dieses Defizit müsste im Interesse der Stabilität der Weltwirtschaft dringend abgebaut werden. Denn früher oder später werden die Anleger nicht mehr bereit sein, zu niedrigen Zinsen die Konsumwut der Amerikaner zu finanzieren. Die Auflösung solcher massiver und lange anhaltender Ungleichgewichte geht nur selten ohne Finanzmarktturbulenzen ab. Stark steigende Zinsen und eine massive Dollar-Abwertung, die damit wahrscheinlich verbunden wären, würden den Rest der Welt noch stärker in Mitleidenschaft ziehen als die USA selbst.

Damit die USA ihr Leistungsbilanzdefizit ohne eine schwere Rezession abbauen können, brauchen sie selbst einen Nachfrageschub vom Rest der Welt, anstatt weiter die Wachstumslokomotive spielen zu müssen.

In Japan haben Notenbank und Finanzpolitik ihr Pulver schon lange verschossen. Doch auch Europa hält sich viel zu vornehm zurück. Die Europäische Zentralbank verweist darauf, dass die Inflationsrate nur einen Hauch unter der selbst gesetzten Obergrenze von zwei Prozent liegt und sieht dadurch ihre Hände gebunden. Die Finanzpolitiker der großen Euro-Staaten operieren ebenfalls nahe an der selbst gesetzten Defizit-Obergrenze von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Weltwirtschaftliche Belange kommen im Kalkül der Geldpolitiker und der Regierungen nicht vor, obwohl die Rückwirkungen einer Bereinigungskrise in den USA auf die heimische Wirtschaft mit Händen zu greifen sind. Die Globalisierung der Wirtschaft mag immer weiter voranschreiten, internationale wirtschaftspolitische Kooperation zwischen den Wirtschaftsblöcken ist nach wie vor mega-out.

Das steht in seltsamem Kontrast dazu, dass man innerhalb Europas der Koordination der Wirtschafts- und Finanzpolitik so großes Gewicht gibt, obwohl die gegenseitige Abhängigkeit in vieler Hinsicht weniger eng ist als diejenige zwischen Europa und USA.

So bleibt Alan Greenspan gar nichts anderes übrig, als sein letztes Pulver zu verschießen und zu hoffen, dass der große Knall erst nach seiner Pensionierung kommt.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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