Geldpolitik: Kommentar: Erste Rate

Geldpolitik
Kommentar: Erste Rate

Die Europäische Zentralbank (EZB) blieb zurückhaltend und senkte die Leitzinsen nicht, wie von den meisten Analysten erwartet, um einen halben, sondern nur um einen viertel Punkt auf 2,5 Prozent. Der deutsche Aktienmarkt nahm die Entscheidung mit einigem Missfallen auf.

Der Dax sackte binnen weniger Sekunden um einen Prozentpunkt ab. Doch wahrscheinlich grämen sich die Aktieninvestoren grundlos. Denn die Zinssenkung dürfte nur deshalb so maßvoll ausgefallen sein, weil der EZB-Rat bereit sein will, im Fall eines Irak-Kriegs mit einer weiteren kräftigen Zinssenkung etwas für die Stabilisierung des Vertrauens zu tun.

Mit der Aussage, der Rat stünde bereit, abhängig von der weiteren geopolitischen Entwicklung entschieden und schnell zu handeln, hat EZB-Präsident Wim Duisenberg diese Motivation deutlich gemacht. Wahrscheinlich haben die Notenbanker von der Zinssenkung, die sie gestern unabhängig von den Kriegssorgen beschlossen hätten, etwas abgezwackt, um mit einer weiteren Zinssenkung im Kriegsfall nicht in einen Zinsbereich zu kommen, der von der Eins vor dem Komma gekennzeichnet ist.

Immerhin hat die EZB ihre Wachstumsprognose für dieses Jahr von 1,6 auf ein Prozent gesenkt. Das ist eine drastische Rücknahme, die unter normalen Umständen leicht eine größere Zinssenkung gerechtfertigt hätte. Dies umso mehr, als man bei der üblichen Unsicherheitsmarge dieser Prognosen damit schon gefährlich nahe an einem Rezessionsszenario ist.

Duisenberg machte auch klar, dass die Euro-Banker sich nicht der Hoffnung hingeben, dass ein schneller problemloser Krieg im Irak dazu führen würde, dass sich Konjunkturpessimismus und Kaufzurückhaltung in Wohlgefallen auflösten. Der Wirtschaft des Euro-Raums geht es schlecht, und wenn geopolitisch für den Westen alles glatt läuft, wird es immerhin nicht noch schlechter, lautet die Botschaft der Notenbanker.

Die Euro-Aufwertung hat den EZB-Räten bei ihrem Zinssenkungsbeschluss geholfen, denn sie dämpft die Inflation. Aus internationaler Perspektive bewertete Duisenberg die Aufwertung des Euros und die Abwertung des Dollars richtig, indem er sie uneingeschränkt begrüßte. Wenn man einmal annimmt, dass er den nächsten halben Punkt Zinssenkung schon einkalkuliert hat, zieht der EZB-Rat auch die passenden Konsequenzen, indem er die Aufwertung durch lockerere Geldpolitik kompensiert.

Für einen Abbau des gefährlich hohen Leistungsbilanzdefizits der USA ist ein schwächerer Dollar unabdingbar. Die rezessionsanfällige Euro-Konjunktur und insbesondere die stark exportabhängige deutsche Wirtschaft werden darunter zwar leiden. Aber anders als die US-Notenbank, die mit ihren Leitzinsen nicht mehr weit über null liegt, hat die Europäische Zentralbank noch zweieinhalb Zinspunkte Munition, um dies auszugleichen. Ob das reicht, den Euro-Raum vor einer Rezession zu bewahren, wird sich zeigen. Aber eine Alternative gibt es nun einmal nicht.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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