Archiv
Geldpolitk-Kommentar: Nur die eigene Linie zählt

Überraschend hat die Bank of England gestern ihren Leitzins auf fünf Prozent gesenkt. Mit seit Jahresbeginn vier Trippelschritten um je 25 Basispunkte verfolgt die britische Notenbank den Kurs, den viele Beobachter sich auch von der Europäischen Zentralbank (EZB) gewünscht hätten: bei einer sich nur leicht abschwächenden Konjunktur und steigender Inflation die Zinsen zu senken. Das Sehnen nach einem ähnlich riskanten Spiel, nicht aber nüchterne Analyse, lässt so manchen Beobachter der EZB erneut rasche Zinssenkungen nahe legen.

Der EZB-Rat aber hat auch gestern den Leitzins unverändert bei 4,5 Prozent gelassen. Das ist gut so. Denn die vorschnelle Analogie der EZB zur Bank of England geht ins Leere. Von realwirtschaftlicher Seite sind die Risiken zwischen den Nachbarn ungleich verteilt: Das Vereinigte Königreich hängt über den Außenhandel stärker an der konjunkturellen Entwicklung in den USA als der größere Euro-Raum. Deshalb hat die Bank of England vorbeugend auf die zuletzt erneut schlechten Wirtschaftsdaten aus den Vereinigten Staaten reagiert.

Für die EZB ergibt sich daraus aber kein Handlungszwang. Auch die Inflationsrisiken liegen diesseits und jenseits des Kanals unterschiedlich: Das Pfund präsentierte sich in den vergangenen Monaten stark, der Euro der Tendenz nach schwach. Das treibt die Inflationsgefahren hier zu Lande und dämmt sie in Großbritannien. Dennoch spielt die Bank of England ein riskantes Spiel: der starke private Konsum und der boomende Hausmarkt ziehen Preisrisiken nach sich. Nicht auszuschließen, dass die heute gefeierte Zinssenkung schon bald negativ beurteilt werden wird. Ein solches Glücksspiel kann sich die EZB als junge Institution nicht leisten. Der Euro-Raum hat gerade erst einen Schritt auf dem Weg zu einer niedrigeren Inflationsrate hinter sich. Und die Gefahren eines neuen Preisschubs im Zuge der Bargeldumstellung auf den Euro sind nicht aus der Welt. Der EZB-Rat wartet mit einer Zinssenkung zu Recht ab.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%