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Gelebte Chaos-Theorie

Autofahren in Peking ist gelebte Chaostheorie. Bisweilen verkeilen sich die Fahrzeuge so sehr auf einer Kreuzung, dass gar nichts mehr geht.Vor allem nach einem Unfall, denn man fährt die Autos nicht etwa zur Seite.

Autofahren in Peking ist gelebte Chaostheorie. Bisweilen verkeilen sich die Fahrzeuge so sehr auf einer Kreuzung, dass gar nichts mehr geht.Vor allem nach einem Unfall, denn man fährt die Autos nicht etwa zur Seite. Ob Fahrer oder Beifahrer (gerne auch die Insassen der folgenden Autos, Busse, Lastenräder oder Pferdegespanne) – alle steigen aus und diskutieren auf der Straße genau die Lage. Und das kann in China dauern, man hat ja nicht umsonst 5000 Schriftzeichen.

Autofahren in Peking wird so zum Geduldspiel und zur Kampfsportart in einem. Gerade im selten rollenden Verkehr wird umso präziser und gnadenloser um jeden Zentimeter gekämpft. Kapitalistische Ansätze wie „Freie Fahrt für freie Bürger!“ werden im kommunistischen China ohnehin schon im Keim erstickt, etwa durch eigenwillige chinesische Regeln. Ein Beispiel: Der blind von rechts einfahrende Verkehr – egal, wieviel Autos gerade flott heranrollen. Oder der Linksabbieger an großen Kreuzungen, der stets VOR den entgegenkommenden Autos zu queren versucht.

Autofahren in Peking ist darum längst Albtraum aller Verkehrsplaner. Eine „grüne Welle“ sei hier schlicht unmöglich, sagt ein frustrierter deutscher Ingenieur beim Bier. Dabei ist modernste Technik im Einsatz. Doch kaum war die Welle auf den großen Tangenten der Stadt geschaltet, floss der Verkehr endlich mal zügig dahin - da hagelte es ganze Unfallserien.Grund: Die weiter blind rechts einbiegenden Autos. Nun schaltet deutsche Software in Peking wieder quälend lange, aber bremsende Rotphasen.

Autofahren in Peking ist in ohnehin eine Wissenschaft für sich. Wie bei der Chaostheorie gibt es nämlich im totalen Durcheinander der Stadt eine heimliche Ordung. Eine der ungeschriebenen Regeln lautet: Wer blinkt oder in den Rückspiegel schaut, der hat schon verloren. Besonders beliebt ist dabei der fünffache Spuren-Kreuzer. Also ganz rechts einordnen, um dann plötzlich links abbiegen zu müssen. Denn Regel Nummer zwei lautet: Nur der Starke hat Vorfahrt. Ein Motto, das mit Grösse, Baujahr und Status des Modells proportional an Gewicht gewinnt..

Autofahren in Peking dient nicht nur dem Vorankommen, es ist auch eine Frage der Kultur. Die noch junge Freude am Fahren in China gibt nämlich tiefe Einblicke in die chinesische Seele. Die hat sich unter dem Wirtschaftsboom doch stark gewandelt. In dem Land, in dem man sonst nie sein Gesicht verliert, wird heute hinter dem Steuer geflucht und geschimpft, dass selbst Berliner Taxifahrer rot werden könnten. In der Anonymität hinter den getönten Scheiben werden Chinesen zu gnadenlosen Dränglern und Hupern. Maos einstiges Heer der Radler hat sich dabei nur Tradition erhalten: Noch immer wird ohne Rückspiegel und ohne Bremse gefahren.

Wie heißt es doch: „Wo das Chaos auf die Ordnung trifft, gewinnt meist das Chaos.“ Auf Pekings Straßen wird jeden Tag der Beweis dafür erbracht.

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