Gemängelte Profis
Ansehen der Analysten sinkt immer tiefer

Es kommt wahrscheinlich nur selten vor, dass eine weltweit renommierte Firma ihren Kunden Waren verkauft, die ihre eigenen Experten als "Scheiße" einstufen. Merrill Lynch hat dies getan, wie wir seit den jüngsten Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in New York wissen: Offiziell zum Kauf empfohlene Aktien wurden in internen E-Mails als "pos" (piece of shit) bezeichnet.

Die anderen feinen Wertpapierhäuser an der Wall Street bangen nun, dass ihnen Ähnliches widerfährt: Philip Purcell, Chef von Morgan Stanley, hat öffentlich gesagt, er könne nicht ausschließen, dass die Behörden in seinem Haus ähnliche E-Mails finden.

Ein Skandal? Zweifellos. Aber alles andere als überraschend. Denn die Interessenskonflikte der Aktienanalysten gab es schon immer. Sie sind keine Ausrutscher, sondern ergeben sich aus der geschäftlichen Struktur der Banken. Deswegen werden sie auch durch noch so strenge Benimm-Regeln nicht aus der Welt geschafft. "Chinese Walls", die die einzelnen Abteilungen voneinander trennen, werden bis zu einem gewissen Grad immer potemkinsche Dörfer bleiben. Weil die Banken zurzeit schlechte Geschäfte machen, bleibt für ethische Bedenken noch weniger Raum.

Der Fachjargon der Branche verrät es. Große Institute halten sich viel auf ihre "Platzierungskraft" zu Gute und gehen damit auch bei möglichen Kunden für das Konsortialgeschäft hausieren. Die Platzierungskraft ist aber nichts anderes als die Fähigkeit, möglichst viele Aktien eines Unternehmens an die eigenen Kunden zu verkaufen. Keine Frage, dass es dann ums Verkaufen gehen muss und nicht um eine objektive Beratung. Ein weiterer aufschlussreicher Begriff ist das so genannte "transaktionsbezogene Research." Es bedeutet, dass Studien gerne dann veröffentlicht werden, wenn eine andere Abteilung der Bank ein Interesse daran hat, die Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Aktie zu lenken. Die Gehälter der Analysten, die im Börsenboom häufig Millionenbeträge erreichten, verraten es auch: So viel wird nicht für intelligente Studien bezahlt, sondern für Leute, die das Geschäft ankurbeln.

Qualität hat nachgelassen

Also vergessen wir die Analysten? Heinrich Durstewitz, Pressesprecher der Fondsgesellschaft Dit, die zur Dresdner Bank gehört, sagt: "Die Qualität der Analysten hat in den letzten Jahren nachgelassen. Deswegen haben wir ein eigenes Research aufgebaut." Die großen Fondsgesellschaften dieser Welt unterhalten ganze Stäbe von eigenen Experten. Und manche Fondsmanager, wie etwa Murdo Murchison vom Templeton Growth Fund, sagen unumwunden, dass sie auf die Empfehlungen der großen Geldhäuser nichts geben - und das schon seit langem.

Auch Vermögensverwalter Bert Flossbach aus Köln fasst Analystenstudien mit immer spitzeren Fingern an. Ihre Empfehlungen schaut er nicht an, wohl aber die Analysen selbst. "Wenn jemand zum Beispiel eine Aufstellung macht, in welchen Märkten Coca-Cola wie stark ist oder wie sehr das Ergebnis einer Gesellschaft von Währungsverschiebungen abhängig ist, dann interessiert uns das schon", sagt er. Sein Rat an Anleger lautet: "Man sollte die Geschäftsberichte der Unternehmen lesen. Darin finden sich manchmal Details, die kein Analyst erwähnt". Nach seiner Beobachtung spielte in den Zeiten des Börsenbooms die Unabhängigkeit der Analysten gar keine große Rolle. Damals war es wichtiger, dabei zu sein, wenn irgendwelche Aktien hochgejubelt wurden. Heute sieht die Sache anders aus: Das Hochjubeln funktioniert nicht mehr, zähe Kleinarbeit ist angesagt.

Fondsmanagerin Carmen Weber von Metzler Investment nimmt die Experten aber in Schutz: "Ohne Analysten wäre das Leben erheblich schwieriger", sagt sie. Dabei interessiert auch sie vor allem die Aufarbeitung von Zahlen, Daten und Fakten, weniger die Empfehlung. Sie rät Anlegern, möglichst viele Informationsquellen heranzuziehen, zum Beispiel im Internet nicht nur die Homepage der jeweiligen Gesellschaften anzuschauen, sondern nach Branchenvergleichen zu suchen. Ihre Devise für die Beurteilung: "Es geht nichts über den gesunden Menschenverstand."

Mehr Seriosität angestrebt

Einige Banken bemühen sich um mehr Seriosität. Bei HSBC zum Beispiel muss es jetzt innerhalb jeder Branche genauso viele positive wie negative Empfehlungen geben, gewichtet nach der Börsenkapitalisierung. "Wenn zum Beispiel ein Unternehmen, das von der Kapitalisierung her 50 Prozent der Branche vereint, auf Kauf steht, dann müssen zwangsläufig alle anderen zum Verkauf empfohlen werden", erläutert Thomas Teetz von HSBC Trinkaus. Neutrale Empfehlungen gibt es gar nicht mehr, sondern nur noch Kaufen, Aufstocken, Reduzieren und Verkaufen, wobei Kaufen und Verkaufen jeweils doppelt so stark zählen wie die schwächeren Varianten. Eine ähnliche Pflicht zur Ausgewogenheit gibt es für die Gewichtung der Branchen selbst.

"Das ist auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung", lobt Dirk Ropers, Leiter des Anlagemanagements für europäische Aktien bei Dit. "Ich kann in einem Portfolio ja gar nicht mehr Aktien übergewichten als untergewichten." Die Mehrzahl der Analysten gibt aber weiterhin viel mehr Kauf- als Verkaufsempfehlungen.

Fazit: Man sollte den Analysten weiterhin zuhören. Man darf ihnen nur nicht alles glauben.

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