Gemeinsam sind wir stark
Unternehmen entdecken brachliegende Rechenkraft

Was für eine gigantische Verschwendung: Überall summen sie und brummen, gelegentlich piepst es - und niemand schert sich darum. Etwa 60 % aller Privatnutzer lassen ihren PC den ganzen Tag über laufen, ohne ihn ständig zu nutzen, fanden die Marktforscher von Forrester-Research heraus. Statt sinnlos Strom zu saugen, könnte diese Leerlauf-Rechenleistung via Internet zu einer Art Supercomputer zusammengeschaltet werden - zum Wohle aller.

Jeder Nutzer müsste dazu nur ein kleines Programm installieren, das die Leerlaufzeit des Heim-PC für kleine Rechenpakete riesiger Rechenaufgaben nutzt.

Der führende Anbieter in diesem Bereich, das US-Unternehmen Juno, bietet bereits die Computerleistung seiner über 14 Millionen registrierten Kunden medizinischen und pharmazeutischen Firmen an: "Es handelt sich um eine riesige Ressource an Rechenleistung, die verschwendet wird", meint Juno-Sprecher Gary Baker.

Sein Arbeitgeber ist nicht allein: Der weltgrößte Anbieter für nicht kommerziell verteilte Rechenprojekte, das US-Unternehmen Distributed.net, vereint Tausende Benutzer mit einer geballten Rechenpower von mehr als 160 000 Pentium-II-Rechnern, die 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche und 365 Tage im Jahr laufen.

Bereits 18 Millionen PC-Besitzer haben seit Mitte der 90er ihre überschüssige Rechenpower dem Seti-Institute auf der Suche nach außerirdischer Intelligenz gespendet. Das Projekt Seti@Home der kalifornischen Universität Berkeley verbindet inzwischen mehr als 1 Million PC, die Daten von Radioteleskopen aus der ganzen Welt verarbeiten, um nach Leben im All zu forschen. 500 000 Jahre an Computerzeit sind so bisher zusammengekommen.

In weiteren Projekten stellt die Internet-Gemeinde ihre Ressourcen der medizinischen Forschung zur Verfügung, etwa zur Aids-Bekämpfung (Fight Aids@Home) oder Krebsheilung. Die französische Organisation AFM ruft in ihrem TV-Spendenmarathon dazu auf, Speicher zu spenden, um hinter die Geheimnisse seltener, genetisch bedingter Krankheiten zu kommen.

Auch an der TU München beteiligen sich private PC-Halter an der Simulation der Lebensentstehung bei Evolution@home mit ihren Heimcomputern. Und dank der verteilten Rechner konnten Mathematiker erst kürzlich die größte bekannte Primzahl entdecken.

Unterdessen scheint auch die kommerzielle Nutzung des privaten Supercomputing in Schwung zu kommen: Juno bietet freien Internet-Zugriff gegen die Bereitstellung brachliegender PC-Rechenzeit. Die Kunden müssen dazu einen Bildsschirmschoner auf ihren PC laden und sich verpflichten, ihren Heimcomputer zu bestimmten Zeiten eingeschaltet zu lassen sowie eine von Juno initiierte Telefonverbindung zu deren zentralem Server aufbauen zu lassen.

Das allerdings ist eine Horrorvision für Datenschützer: "Dadurch könnten Hacker via Juno unbemerkt Zugriff auf die Kundencomputer erhalten", fürchtet der Politikanalytiker des US-Zentrums für Demokratie und Technologie Ari Schwartz.

Die Alternative zum Supercomputing, wo viele PC ihre Rechenleistung einem zentralen Server zur Verfügung stellen, heißt Peer-to-Peer (P2P). Bei dieser Variante kommunizieren die angeschlossenen Computer direkt untereinander. Bestes Beispiel: die Musiktauschbörsen Gnutella und Napster. Suchanfragen nach Musikstücken kursieren zwischen allen teilnehmenden Rechnern.

Da es keinen zentralen Server gibt, sind Informationsfluss und Dateitausch für den PC-Nutzer aber auch hier kaum kontrollierbar. Mit Programmen wie Sharesniffer (www.sharesniffer.com), einer kostenlosen Software, die eine internetweite Suche nach offenen Festplatten durchführt und deren Inhalte scannt, sind kriminellen Aktivitäten Tür und Tor geöffnet.

Auch Chip-Gigant Intel setzt auf P2P. Der Konzern plant, auf Basis der Technologie einen "virtuellen Supercomputer" zusammenzuschalten, der die zehnfache Leistung des derzeit schnellsten Intel-Supercomputers zu einem Hundertstel von dessen Kosten erreichen soll.

Ein derartiger Supercomputer mit einer Rechenleistung von 50 Teraflops könnte die medizinische Forschung revolutionieren. "Die Leistungsstärke der installierten PC Zu Hause und am Arbeitsplatz bietet ein ungeheures Leistungspotenzial. Der Ausbau von P2P-Computing kann diese Reserven in Zukunft bündeln", ist Louis Burns, Vizepräsident und General Manager der Intel Desktop Products Group überzeugt. Vor allem die Biotechnologie-Branche benötigt solch gigantische Rechenkapazitäten.

Die neuen Möglichkeiten der gemeinsamen Rechnernutzung rufen auch andere Riesen der IT-Branche auf den Plan. Auf der Cebit präsentieren Sun Microsystems und IBM neue Server auf Grid-Computing-Basis. Dabei werden ungenutzte Rechnerkapazitäten eines Systems zusammengeschaltet. Grid-Software entdeckt ungenutzte Systemressourcen, prüft, wo Rechnerleistung benötigt wird, und liefert dem PC Rechenleistung auf netzwerkweiter Basis.

IBM-Vize-Präsident Irving Wladawsky-Berger jubelt bereits: "Grid Computing wird E-Business auf die nächste Ebene befördern. Anwender erhalten eine unverwüstliche, flexible, virtuelle IT-Infrastruktur, die bei Bedarf überall zur Verfügung steht."

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