Gemeinschaftswährung kratzt an Dollar-Parität
Euro-Stärke macht Zinserhöhung unnötig

Führende Volkswirte geben Entwarnung: Bis auf weiteres schade der starke Euro der Wirtschaft nicht. Er erlaubt nach ihrer Auffassung sogar der EZB, die Zinsen in diesem Jahr stabil zu halten.

mak/hus/HB FRANKFURT/NEW YORK. Der Höhenflug des Euros macht nach Ansicht führender Volkswirte eine Erhöhung der Leitzinsen durch die Europäische Zentralbank (EZB) in diesem Jahr unnötig. Die Wertsteigerung der europäischen Einheitswährung seit Mai reiche bereits aus, um die Inflationsrate in den nächsten zwölf Monaten um 0,4 Prozentpunkte zu reduzieren, sagten die Ökonomen in einer Umfrage des Handelsblatts. Die EZB hat die Märkte in den vergangenen Wochen auf die Möglichkeit einer Zinserhöhung vorbereitet. Nach Berechnungen der Deutschen Bank entspricht die bisherige Erhöhung des Euro-Außenwerts bereits einer Zinsanhebung um 75 Basispunkte.

Am Wochenende stieg der Euro auf 0,999 US-Dollar und kratzte merklich an der Parität zur US-Währung. Händler erwarten, dass der Euro in den nächsten Tagen mit dem Dollar gleichziehen wird. Der "Greenback" profitierte allerdings vorübergehend von einer gemeinsamen Intervention der japanischen und amerikanischen Notenbanken sowie der EZB, die am Freitag massiv Yen gegen Dollar und Euro verkauften, um die japanische Währung zu schwächen. Die Aktion bremste vorübergehend auch die Aufwärtsentwicklung des Euros.

Die Auswirkungen des steigenden Euro-Kurses auf die Wirtschaft werden unterschiedlich beurteilt. Der Wirtschaftsweise Bert Rürup sagte in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters, bis zu einem Kurs von 1,10 US-Dollar werde der Euro "kein Konjunkturkiller" sein. Diese Ansicht teilen nach Informationen des Handelsblatts viele Volkswirte der großen Wirtschaftsverbände, die am Freitag zu einer Sitzung zusammenkamen. Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, sagte dem "Saarländischen Rundfunk", der "angemessene Gleichgewichtswert" liege bei 1,05 Dollar. Gerate der Kurs allerdings "in Richtung von 1,20 Dollar", werde die Luft für europäische Anbieter dünner.

Rolf-E. Breuer, Aufsichtsratschef der Deutschen Bank, rechnet dagegen bereits mit einem Rückgang des Wirtschaftswachstums um 0,25 Prozentpunkte, wenn der Euro-Kurs auf 1,10 bis 1,15 US-Dollar klettern sollte. Wolfgang Wiegard, Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, sagte der "Welt am Sonntag": "Wenn sich die Abwertung des Dollars gegenüber dem Euro beschleunigen sollte, könnte dies den für die zweite Jahreshälfte zu erwartenden Aufschwung in Deutschland und in der Euro-Zone gefährden."

In Washington werde der Kursverfall des Dollars "stillschweigend begrüßt", sagte Chefökonom Paul Kasriel von der Northern Trust Bank dem Handelsblatt. Er führt den Kursverfall auf das schwindende Vertrauen internationaler Anleger in die amerikanischen Aktienmärkte zurück. Die amerikanische Wirtschaft werde vom sinkenden Dollar allenfalls kurzfristig profitieren. "Die USA müssen sich auf eine Dürreperiode vorbereiten," glaubt Kasriel.

Auch Ulrich Beckmann, Leiter des Research-Büros Frankfurt der Deutschen Bank, hält die europäischen Aktienmärkte derzeit für attraktiver als die amerikanischen. Selbst die Anleiherenditen seien in den USA stärker gefallen als im Euro-Raum. Daher sollte bei der erwarteten Belebung im zweiten Halbjahr auch der Rückschlag am US-Bondmarkt heftiger ausfallen, wenn sich die Vertrauenskrise an den Aktienmärkten bis dahin gelegt habe.

Quelle: Handelsblatt

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