Gemeinschaftswährung sackt nach Beschluss auf neues Drei-Monats-Tief
EZB lässt Leitzinsen unverändert

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Leitzinsen am Donnerstag unverändert gelassen, wird nach Einschätzung von Analysten aber wegen der schlechteren Wachstumsaussichten ihre Geldpolitik bald lockern. Der für die Refinanzierung der Geschäftsbanken maßgebliche Schlüsselzins betrage weiter 4,75 %, teilte die EZB nach ihrem Ratstreffen in Frankfurt mit.

Reuters FRANKFURT. Volkswirte halten eine Zinssenkung inzwischen für geboten, weil aus ihrer Sicht die Konjunktur in der Euro-Zone im Sog des US-Wirtschaftsabschwungs stärker als bisher erwartet abkühlen könnte. Einige Marktteilnehmer hatten einen Zinsschritt daher schon an diesem Donnerstag erwartet. Der Euro fiel nach dem Beschluss um mehr als einen halben US-Cent. An den Aktien- und Rentenmärkten gaben die Kurse weiter nach.

Volkswirte waren bis zuletzt uneins, ob die EZB die Zinsen bereits am Donnerstag lockern oder noch etwas warten wird. Vor allem die jüngsten Äußerungen von EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing zu Wachstum und Inflation hatten die Spekulationen über eine Zinssenkung schon an diesem Donnerstag entfacht. Issing hatte gesagt, alle Projektionen für das Wachstum müssten nach unten revidiert werden, und die Risiken für einen Preisanstieg seien ausgeglichener. Vor Kurzem noch hatten sich die EZB-Vertreter optimistischer über das Wachstum geäußert, das sie bisher in diesem Jahr mit knapp drei Prozent nur etwas schwächer erwarteten als im Vorjahr. Allerdings waren die Daten zum Wachstum der Geldmenge zuletzt nicht so niedrig ausgefallen wie von Volkswirten erwartet, was als Signal für weiter anhaltende Inflationsgefahren gewertet worden war.

Die Entwicklung der Inflation und der Geldmenge sind die beiden Säulen, an der die EZB ihre Geldpolitik ausrichtet. Oberstes Ziel dabei ist ein stabiles Preisniveau. Anders als die Notenbanken in USA und Japan, die wegen der Konjunkturabkühlung in ihren Ländern ihre Geldpolitik bereits gelockert haben, hat die EZB die Zinsen seit Oktober 2000 nicht verändert.

Volkswirte rechnen mit Zinssenkung spätestens im Mai

Eine knappe Mehrheit der von Reuters befragten Volkswirte hatte für den Donnerstag noch keine Zinssenkung erwartet, rechnet damit aber spätestens im Mai. Der Zinsbeschluss sei wie erwartet ausgefallen, sagte Gerhard Grebe von der Bank Julius Bär. Grebe prognostizierte jedoch eine Zinssenkung spätestens Anfang Mai um einen halben Prozentpunkt. "Wir haben doch einen ziemlich großen Wechsel im Szenario erlebt, und die EZB hat eindeutige Signale in Richtung einer Lockerung gegeben." Alexander Böter von Deutsche Bank Research verwies auf die in einigen Ländern der Euro-Zone anhaltenden Inflationsgefahren als Argument für noch unveränderte Leitzinsen.

Einige Volkswirte teilten jedoch die Sorge der Finanzmärkte, die Notenbank könne mit einer Zinssenkung zu lange warten und die schwächere Konjunktur zusätzlich dämpfen. "Hoffentlich werden sie bei ihrem nächsten Treffen in zwei Wochen etwas unternehmen, sonst haben wir weitere Turbulenzen zu befürchten", sagte Adolf Rosenstock von der japanischen Bank Nomura.

EZB-Entscheidung löste weitere Kursverluste am Devisenmarkt aus

Am Devisen- und Aktienmarkt löste die Entscheidung der EZB weitere Kursverluste aus. Der Euro fiel um mehr als einen halben Cent zum Dollar auf 0,8819 Dollar und damit auf den tiefsten Stand seit mehr als drei Monaten, erholte sich dann aber wieder ein wenig. An der Börse gab der Deutsche Aktienindex rund 36 Punkte auf 5 760 Punkte ab und baute damit die zuvor verzeichneten leichten Kurseinbußen auf ein Minus von knapp ein Prozent aus. Auch an den europäischen Anleihenmärkten gaben die Terminkontrakte noch etwas stärker nach.

Die Zentralbank ließ auch den Zinskorridor für den Euro-Geldmarkt unverändert. Die Sätze dafür betragen weiterhin 3,75 % für Übernacht-Einlagen von Geschäftsbanken bei der EZB (Einlagenfazilität) und 5,75 % für Übernacht-Kredite (Spitzenrefinanzierungsfazilität).

Die Leitzinsen in der Euro-Zone sind seit Anfang Oktober 2000 unverändert. Zuvor hatte die Notenbank die Zinsen von November 1999 bis Oktober 2000 in sieben Schritten um insgesamt 2,25 % nach oben geschleust, um dem Inflationsdruck durch den damals stark gestiegenen Ölpreis und den schwachen Euro entgegenzuwirken.

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