Gemischte Gefühle bei den einstigen Start-up-Stars
Das Leben nach der New Economy

Durcharbeitete Nächte, exzessive After-Work-Partys und schicke Autos: In der Boomphase der New Economy lebten die Gründer im permanenten Ausnahmezustand. Dann ging der Neue Markt in die Knie - und mit ihm viele junge Unternehmer. Was ist aus den einstigen Stars der New Economy geworden?

Malte Brettel: Vom Unternehmersessel auf den Lehrstuhl

"Ich wäre froh gewesen, ich hätte damals in einem meiner Kurse sitzen dürfen", sagt Malte Brettel. Der Gründer des Gebrauchtbuch-Versandes Justbooks musste sich damals das unternehmerische Know-How selbst beibringen. Heute lehrt Brettel an der Handelshochschule Leipzig Unternehmertum. Aus seinem eigenen Start-up stieg er im Oktober vorigen Jahres aus, nachdem die kanadische Firma "Abebooks" den Second-Hand-Buchhändler übernommen hatte. Noch immer besitzt Brettel Anteile an seinem mit Abebook fusionierten Unternehmen. "Insofern fiebere ich nicht nur mit dem Herzen, sondern auch noch mit dem Geldbeutel mit."

Nach der Fusion gab es einen zuviel im Unternehmen. "Die Frage war: Geht ein Angestellter oder ein Gründer?" Der Gründer ging, um das zu machen, wofür in der Gründerphase kaum Zeit blieb: die Habilitation. "Für mich hat Freiheit immer eine große Rolle gespielt. Die hatte ich als Gründer, aber auch an der Uni. Wer schreibt mir hier schon vor, was und wie ich lehren soll?" Seine Erfahrungen aus der "New Economy" - im Fach "Entrepreneurship" kann er sie einbringen. Er versucht, sein Netzwerk von früher anzuzapfen, um seinen Unterricht praxisnah zu gestalten. Immerhin könne er aus der Praxis plaudern und wisse, wo es hakt.

Auf seine Zeit als Unternehmensgründer blickt er mit gemischten Gefühlen zurück: "Zwischendurch habe ich immer gedacht: die vielen Stunden am Anfang, sieben Tage in der Woche, das möchte ich nicht noch mal haben. Doch immer, wenn sich dann der Erfolg eingestellt hat, verklärte sich der Blick ein wenig. Aber ich möchte garantiert keine Arbeit mehr machen, ohne einen Erfolg zu sehen. Doch leider weiss man das am Anfang nicht." Finanziell hat sich Brettel in jedem Fall verbessert: Trotz langer Überstunden war sein Gehalt nur halb so hoch wie an der Uni.

Christian Langen: "In mir schlummert ein Unternehmer"

Die Sorge um sein Unternehmen bescherte Christian Langen unruhige Nächte: Seine Preisagentur "Ihr Preis" musste er im Oktober 2001 verkaufen - mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Einerseits hatte er es genossen, sein eigener Chef zu sein, andererseits hatte er jede Menge Probleme am Hals. "Alles muss sich erst entwickeln. Heute, wo ich das Ergebnis kenne, würde ich viele Details anders machen."

Entwickelt hat sich auch Langen. Der ehemalige Firmenchef arbeitet jetzt drei Tage pro Woche in einer Hamburger Unternehmensberatung. Die übrige Zeit reserviert er sich für seine Promotion im Fach "Entrepreneurship". Der Arbeitstitel der Promotion klingt nach Vergangenheitsbewältigung: "Managementteams in jungen Unternehmen". Langen gibt unumwunden zu, dass ihm der Abschied von seinem Unternehmen nicht leicht fiel: "Es hat einige Zeit gedauert, bis ich mich mental von meinen Baby getrennt hatte." Die Zukunft ist für Langen offen. Er will sein Leben nicht schon zehn Jahre im voraus planen. "In mir schlummert ein Unternehmer. Ich werde früher oder später sicher noch mal gründen."

Stefan Glänzer: Zu jung für die Rente

1998 gründete Stefan Glänzer mit zwei Freunden das Internet-Auktionshaus Ricardo. Im November 2000 saß er in einem Flugzeug gen Süden - vier Stunden zuvor hatte er sein Unternehmen verkauft. Den Urlaub hatte er sich verdient. Schließlich hatte Glänzer drei Jahre lang hart geackert; das Privatleben blieb dabei auf der Strecke. Am Tag der Hochzeit seiner Schwägerin beispielsweise war er auf IPO-Roadshow. Der Lohn für diese Mühe: "Auch um 23 Uhr noch enthusiastische Gesichter um mich herum zu haben, diese Begeisterung, mit Ricardo etwas Einmaliges zu schaffen."

Doch Aktienkurs und Wert des Unternehmens sanken, aus der geplanten Fusion mit QXL wurde eine Übernahme. Ricardo, das bis dahin selbst kleinere Unternehmen geschluckt hatte, wurde zum Kaufobjekt. Doch Glänzer hatte Glück: Im Unterschied zu den meisten Start-up-Gründern verkaufte Glänzer sein Unternehmen noch profitabel.

Statt auf Nummer Sicher zu gehen und bei einem etablierten Unternehmen der Old Economy anzuheuern, gründete Glänzer zwei Beteiligungsgesellschaften, eine allein, die andere zusammen mit seinen Ex-Ricardo-Partnern. Ihn reizt besonders die internationale Ausrichtung, dank der er die Hälfte seiner Zeit in London verbringen kann. Es einfach mal ruhig angehen lassen, einen entspannten Job als Angestellter machen? Nichts für Stefan Glänzer. Das ist der Reiz des Gründens: Es jedes Mal wieder ein Stück besser zu machen. "Ich bin zu jung, um den Reiz einer Frühpensionierung zu entdecken."

Michael Brecht: "Ab nach Australien"

Michael Brecht hat schon wieder neue Geschäftsideen. "Ich will nicht ausschließen, dass ich noch mal was gründe. Ich bin der Typ dafür." Dabei musste er sein Serviceportal Urbia.com eben erst beerdigen. Das Unternehmen, 1998 gegründet, expandierte zunächst in Windeseile nach Großbritannien und Frankreich. Die Website für Schwangerschaft, Familie und Gesundheit wollte schon 2001 schwarze Zahlen schreiben. Doch Ende 2001 versiegten die Geldquellen, die Investoren weigerten sich, neues Geld in das Unternehmen zu pumpen. Brecht meldete vorläufige Insolvenz an - und verschwand mit seiner Frau und den drei kleinen Töchtern für zwei Monate in den Urlaub nach Australien. "Ich brauchte einfach Abstand."

Seit einem Monat arbeitet Brecht als freier Berater für die Knowledge Tools GmbH, einer Firma für Wissenmanagement in Berlin. Brecht entwickelt Vertriebs- und Beteiligungskonzepte für einen Großkunden. Dabei zehrt er von seinen Erfahrungen. "Wir haben sehr viel gelernt in drei Jahren. Da kann man den Kunden einiges mitgeben."

Uwe Brodtmann: Genießer a. D.

Uwe Brodtmann hat zwei Jobs. Hauptberuflich ist er Mitglied der Geschäftsführung bei der Berliner Agentur K&P Marketing Services. Im Zweitberuf arbeitet er als Liquidator - bei seinem eigenen Unternehmen: dem Online-Magazin "Ovivo", konzipiert für Genießer in der zweiten Lebenshälfte. Die Investoren waren begeistert, die Freunde gehobener Lebensart auch. Sie klickten sich munter durch Themen wie Garten, Champagner und Chanel - und kauften die Produkte dann doch woanders. Anfang des Jahres beschloss das Start-up-Unternehmen daher seine Liquidation. "Finanziell war das sehr bitter für mich", bekennt Brodtmann. "Die ganze Veranstaltung hat mich umgerechnet 600 Kilo Geld gekostet", rechnet er augenzwinkernd aus.

Heute kommt ein monatliches Festgehalt aufs Konto. Nur: Er ist jetzt nicht mehr der Boss. Die strategischen Entscheidungen treffen die anderen. "Ich muss mich in ein Team einfügen, und am Ende des Tages bestimmen die Aktionäre den Fortgang", sagt Brodtmann. Demnächst wird er sogar Gesellschafter seines neuen Arbeitgebers. "Dann bin ich zur Abwechslung mal Unternehmer einer profitablen Veranstaltung", sagt er schmunzelnd. Seine neue Firma verkauft Programme zur Kundenbindung an Verlage, bietet beispielsweise einem Zeitungsabonnenten an, seine Strom- und Wasserrechnung zu analysieren. Brodtmann macht die Arbeit Spaß. Er trauert seiner "Gründerzeit" nicht hinterher. "Das ist dumm gelaufen, fertig. Dafür hab' ich auch keine schlaflosen Nächte mehr, weil ich nicht weiss, wie's weitergeht."

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