Genau in die Augen schauen
Worauf Anleger beim Neuen Markt achten sollten

Nach den herben Kursverlusten bei High-Tech-Werten ist es wichtiger denn je, die richtigen Kriterien für die Auswahl chancenreicher Aktien zu kennen. Oberste Maxime ist und bleibt, über das entsprechende Unternehmen ausreichend informiert zu sein. Doch das allein reicht nicht.

FRANKFURT. Die schnellen Gewinne am Neuen Markt haben seit dem Höchststand des Nemax All Share im März 2000 zu schnellen Verlusten geführt. Der Fall des Index um zeitweise über 42 % war gleichbedeutend mit einem Rückgang der durchschnittlichen Marktkapitalisierung je Unternehmen von 1 Mrd. Euro auf 0,7 Mrd. Euro, was einer Vernichtung von Anlegergeldern in Höhe von 26 Mrd. Euro entsprach. Die Kursrückgänge erfolgten auf breiter Front, wobei die Sektoren Internet/Telekommunikation und Medien besonders betroffen waren.

Vor diesem Hintergrund stellt sich für viele Anleger mehr denn je die Frage, ob sie in die richtigen Titel investiert haben, ob sie Verluste realisieren, ob sie den Einstandskurs verbilligen oder ob sie trotz Kursschwächen investiert bleiben sollen. Unabhängig vom einzelnen Wert oder der konkreten Entscheidung ist zu beobachten, dass immer mehr Privatanleger die Aktien, in die sie investieren, nur unzureichend kennen bzw. dass kein einheitliches Verfahren für die Auswahl Anwendung findet.

Es drängt sich daher die Frage auf: Worauf sollte der Privatanleger bei einer Investition in Aktien und speziell am Neuen Markt achten? Welche Kriterien sollte er zur Ermittlung attraktiver Aktien heranziehen?

Hinweise auf die Qualität suchen

Oberste Maxime ist und bleibt, über den jeweiligen Titel ausreichend informiert zu sein. Die Analysten von HSBC Trinkaus & Burkhardt haben zu diesem Zweck ein Verfahren entwickelt, mit dem die Attraktivität einer Aktie bestimmt werden kann, d. h. ob eine Aktie für eine nähere Analyse sinnvoll erscheint oder nicht. Dieses Verfahren umfasst drei Gruppen von Entscheidungskriterien, welche sich in strategische, finanzwirtschaftliche sowie Liquiditäts- und Transparenz-Kriterien einteilen lassen. Folgende Kriterien erachten wir als besonders wichtig: Jedes Unternehmen ist nur so gut wie sein Management. Speziell bei den Unternehmen des Neuen Marktes ist der Erfolg des Geschäftsmodells nahezu untrennbar mit der Qualität und Besetzung des Managements verbunden. Wichtige Positionen im Management sind der Vorstandsvorsitzende, der Finanzvorstand und der Vorstand für das operative Geschäft. Sind die Investoren von der Integrität und Kompetenz des Managements nicht überzeugt, so ist dies oft ein Warnsignal. Berufserfahrung im jeweiligen Segment und zeitliche Zugehörigkeit zum Unternehmen in Verbindung mit einer ausgewogenen Altersstruktur sind wichtige Punkte, die Hinweise auf die Qualität geben können.

Institutionelle Anleger bevorzugen im Small- und Mid-Cap-Bereich Aktien, welche über eine ausreichende Marktkapitalisierung (über 600 Mill. Euro) und eine hohe Liquidität (Free Float) verfügen. Generell gilt, dass der Free Float um so größer sein sollte, je kleiner die Marktkapitalisierung ist.

Diese Aspekte stellen für institutionelle Anleger Entscheidungskriterien dar, ob eine Aktie grundsätzlich für ein Investment in die nähere Auswahl kommt. Sollten die Aktien diese Kriterien aktuell nicht erfüllen, so müssen sie zumindest das Potenzial besitzen, das heißt die Erreichung der Kriterien muss wahrscheinlich sein. Für den Privatanleger bedeutet dies, dass Unternehmen, welche die Kriterien nicht erfüllen, oft in der Vielzahl der Aktien untergehen und die Informationsdichte zu diesen Aktien tendenziell geringer ist als zum Beispiel bei Nemax-50-Unternehmen.

Die Investor-Relations-Qualitäten, also die Art und Weise, wie sich das Unternehmen gegenüber institutionellen Investoren und auch gegenüber den Privatanlegern präsentiert, ist ein weiterer wichtiger Aspekt. Die Transparenz der Kommunikation wird dabei durch die Aktualität und den Umfang der Informationen bestimmt. Die Professionalität lässt sich auch anhand der Aussagekraft der Mitteilungen ableiten, welche das Unternehmen herausgibt. Handelt es sich um Meldungen mit Substanz oder wirft die Meldung mehr Fragen auf, als sie beantwortet? Wie der Markt diese Meldungen bewertet, lässt sich an den Auswirkungen auf den Kursverlauf ablesen.

Versprechen von Unternehmen prüfen

Der Anleger sollte das Unternehmen an seinen Versprechungen messen, besonders wenn es um die Erreichung der finanziellen Ziele geht. Die Einhaltung der Finanzplanung kann auch vom Privatanleger nachvollzogen werden, da sie im Rahmen der Quartalsberichterstattung von Analysten beurteilt und über die Presse kommuniziert wird. Dadurch wird deutlich, ob die Planungen erfüllt wurden. Treten die Abweichungen im Zusammenhang mit strukturellen Problemen und mehrfachen Profit-Warnings auf, so ist dies ein klares Warnsignal, dass viele institutionelle Investoren dazu veranlasst den Depotanteil der Aktien zu reduzieren.

Wenn der Privatanleger sich für ein Investment in eine attraktive Branche entschieden hat, so empfehlen wir entweder in die jeweiligen Marktführer oder in Unternehmen, welche das Potenzial dazu haben, zu investieren. Diese Unternehmen besitzen die besten Chancen, um durch ihre Marktpositionierung und Größe vom Wachstum der Branche überdurchschnittlich profitieren zu können.

Dabei ist auch ein kritischer Blick auf das Geschäftsmodell des Unternehmens zu empfehlen. Grundsätzlich geht es um die Frage welches die Kernkompetenzen sind, wie das Unternehmen weiter wachsen will und wie es nachhaltig Gewinne erzielen kann. In diesem Zusammenhang spielt auch das Wettbewerbsumfeld und wie sich das Unternehmen gegenüber diesem differenziert eine wichtige Rolle. Abschließend sei noch einmal angemerkt, dass hier nur eine kleine Auswahl der Kriterien vorgestellt wurde, die HSBC Trinkaus & Burkhardt nutzt, um die Aktien ermitteln, die eine tieferen Analyse rechtfertigen. Kein Kriterium allein sollte als Argument für oder gegen ein Investment in eine Aktie verwendet werden. Vielmehr die Verbindung aller Faktoren ergibt ein Bild über die Qualität eines Investments und damit auch die Antwort auf die Frage, ob eine Aktie nur auf Grund eines kurzfristigen Trends erfolgreich ist oder ob ein langfristiges Investment sinnvoll ist.

Thomas M. Becker, Aktienanalyst bei HSBC Trinkaus & Burkhardt, Düsseldorf



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