General Motors, Ford & Co. warten auf bessere Zeiten - Lada-Absatz stockt
Russlands Autoindustrie steckt in der Krise

Auf dem russischen Automarkt ist die Stimmung gedämpft. Doch die Hoffnung auf bessere Zeiten lockt immer mehr große Konzerne an. General Motors sucht sein Glück gemeinsam mit dem Lada-Bauer Avtovaz.

MOSKAU. Es sollte die ganz große Feier werden. Doch Halden voller Lada-Modelle warfen zu Wochenbeginn einen Schatten auf den Start des Joint Venture zwischen dem weltgrößten Autobauer General Motors (GM) und dem größten russischen Auto-Hersteller Avtovaz: 50 000 unverkaufte Ladas stehen im Werk in der Wolgastadt Togliatti und bei Händlern im ganzen Land, die bereits fordern, endlich die Produktion zu drosseln. Nun soll der Geländewagen Chevrolet Niva aus dem Gemeinschaftsunternehmen, an dem auch die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) beteiligt ist, den Karren aus dem Dreck fahren.

Die neuen Autos aus russisch-amerikanischer Koproduktion sollen im kommenden Jahr bereits 35 000-fach für 6 000 bis 8 000 Dollar verkauft werden. 40 % der Wagen sollen später nach Westeuropa und Mexiko exportiert werden. Erfolg vorausgesetzt, planen GM und Avtovaz nach Angaben der Russen ab 2003 auch die Fertigung des Opel Astra der Rüsselsheimer GM-Tochter in den für 333 Mill. $ neu errichteten Hallen des Joint Ventures.

Von 2004 an soll dann auch den alten Werkshallen neues Leben eingehaucht werden und der Lada-Kalina von den Bändern laufen. Er erinnert stark an den Opel Corsa und wurde bereits 1996 entwickelt. Ob dann aber der Absatz von 767 300 (2001) auf die geplanten 950 000 Autos gesteigert werden kann, halten Experten angesichts der aktuellen Lada-Absatzkrise für fraglich.

Dabei sehen Branchenkreise durchaus gute Absatzchancen für moderne Autos in Russland. Doch die alten Modelle wolle eigentlich kaum noch jemand. Trotz inzwischen stark erhöhter Zölle für die Einfuhr von Gebrauchten wird lieber ein alter Wagen aus dem Westen als ein neuer aus einheimischer Produktion gekauft. Von den 1,2 Mill. im vergangenen Jahr in Russland verkauften Pkw kamen aber immerhin noch 969 000 aus eigenen Werkshallen, 72 000 waren ausländische Neu- und offiziell 194 000 ausländische Gebrauchtwagen. Inoffiziell heißt es, dass am Zoll vorbei mindestens noch einmal so viele Gebrauchte ins Land kamen.

Während Avtovaz mit drei Jahrzehnten alten Fiat-Produktionsanlagen den Markt bei einem Anteil von 74 % unangefochten beherrscht, sieht es beim Konkurrenten Gaz, bekannt unter der Marke Wolga, erschreckend aus: Zwar werden recht erfolgreich Kleinlaster und Minibusse gebaut, vielleicht sogar bald in Kooperation mit Iveco. Doch bei der Pkw-Sparte herrscht Katerstimmung: Das neueste Modell Wolga-3111 wurde nach nur drei Jahren eingestellt - gerade 500 Käufer hatten sich gefunden. Der mit deutscher Hella-Elektronik gespickte Wagen war den Russen mit 14 000 bis 16 000 Dollar zu teuer. Ladas Preise beginnen bei unter 4000 Dollar.

Nach Vorstellungen der russischen Regierung soll die russische Autoproduktion bis 2005 um gut die Hälfte auf 1,7 Mill. Autos jährlich wachsen. Das sieht ein Förderkonzept vor. Der Absatz werde sich danach bis 2010 sogar auf 2,5 Mill. verkaufte Wagen mehr als verdoppeln. Chancen gibt es also genug. Um diese zu nutzen, sind allerdings Milliarden-Investitionen - allein der Lada-Kalina verschlingt Anlaufkosten von 268 Mill. $ - bei den drei großen heimischen Herstellern nötig: Neben Avtovaz und Rusawtoprom unter Regie des Aluminium-Barons Oleg Deripaska ist dies der Stahlkonzern Severstal, der Motoren- und Autofabriken betreibt.

Avtovaz soll sich das Geld bei einem Börsengang im Westen holen; daneben sollen aber ausländische Produzenten ins Land gelockt werden. BMW ist mit kleinen Montagewerk in der Ostsee-Exklave Kaliningrad schon da. Ford hat in diesem Jahr eine 150 Mill. $ teure Fabrik eröffnet und will zunächst 25 000 Focus pro Jahr bauen, und Renault will seine kriselnde Gemeinschaftsfirma Framos mit dem bankrotten Moskauer Moskwitsch-Werk wiederbeleben. Doch es gibt auch Rückschläge: Fiats Kooperationsabsicht mit Gaz liegt auf Eis, und Volkswagen hat sich kürzlich ganz gegen eine Produktion in Russland entschieden. Im Gespräch ist aber noch ein Werk der VW-Tochter Skoda in der Ukraine. Dort lässt auch Mercedes bald ein paar Wagen jährlich montieren.

Auch die Zulieferer sind im Land: Der Reifenhersteller Continental startet ein Joint Venture in Moskau, die finnische Konkurrenz Nokian Renkaat produziert bereits. Michelin baut nahe Moskau ein Werk und Pirelli hat sich Nischekampsk als Partner ausgewählt. Auch Bosch und Hella produzieren bereits Teile in Russland. Nun warten alle auf den Aufschwung.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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