Generalisten gesucht
Flaute beim Nachwuchs: Wirtschaftsprüfer dringend gesucht

Der Arbeitsmarkt ist abgegrast. Im Kampf um die besten Köpfe stehen sie in Konkurrenz zu Banken, Steuerberatern, Consultants und letztlich auch den eigenen den Mandanten. Dazu kommt noch: Die komplexe Ausbildung schreckt Studenten ab.

Die Personalrekrutierung ist für Wirtschaftsprüfer zu einer echten Aufgabe geworden", sagt Gerhard Gross, Geschäftsführer des Instituts für Wirtschaftsprüfer (IDW). Zu einer echt schweren Aufgabe. Die Nachfrage ist auf allen Ebenen extrem hoch und vom Markt kaum zu befriedigen. Insofern hat sich an der Arbeitsmarktsituation auch in Zeiten der Wirtschaftsflaute wenig geändert.

"Die Anforderungen durch eine Abschlussprüfung sind größer geworden, das Steuersystem komplexer und die Wirtschaft internationaler. Kurz: Die Aufgaben nehmen zu, aber nicht die Zahl der Bewerber", erklärt Gross. Gefragt seien besonders Spezialisten für Internationale Bilanzierung, EDV und gute Betriebswirtschaftler. "Das Bild des Zahlenknechts, der Haken unter Zahlen macht, ist schon lange tot", sagt er mit Blick auf das gewandelte Berufsbild. Wirtschaftsprüfer sind längst Generalisten geworden. Und damit fängt das Problem an: Bei Banken, Steuerberatern, Consultants und letztlich den Mandanten der Wirtschaftsprüfer (WP) sind solche Kräfte neuen Zuschnitts ebenfalls gern gesehen.

Die Konkurrenz um gute Köpfe ist groß: "Wir suchen Mitarbeiter für die Bereiche Banking & Finance, Versicherungen, Information Risk Management und Financial Risk Management. Und das bei immer weniger Hochschulabsolventen. Insofern stimmt das Schlagwort ?War for talents?", sagt Beate Werhahn, Leiterin der Abteilung HR Marketing und Recruiting bei KPMG.

"Wir fischen alle in einem kleinen Teich"

Bei diesem Wettstreit muss ein Unternehmen alle Hebel in Bewegung setzen, sagt Christine Keiner, die bei Ernst & Young Deutsche Allgemeine Treuhand AG die Personalanwerbung verantwortet: "Wir nutzen verschiedenste Wege: Anzeigen, Karrieremessen, Job-Börsen im Internet, Recruiting-Events, Agenturen, Headhunter und persönliche Kontakte."

400 Stellen werden in diesem Jahr bei Ernst & Young besetzt, 100 mehr als im Vorjahr. Vorwiegend sind das Neueinsteiger. Lediglich bei einem Drittel gehen Headhunter auf die Jagd nach examinierten Kräften. "Wir suchen erfahrene Mitarbeiter, möglichst mit mindestens drei Jahren Berufserfahrung aus den anderen Big-Five-Gesellschaften", sagt Keiner. Aber das ist schwer. "Wir fischen alle in einem kleinen Teich", klagt Keiner.

Price Waterhouse Coopers Deutsche Revision (PwC) stellt allein im laufenden Geschäftsjahr 800 bis 850 Berufsanfänger ein (Vorjahr: 800, 1999: 750). Erfahrene Kräfte mit Berufsexamen hingegen werden weit weniger an Bord geholt - ganz einfach, weil der Markt abgegrast ist: "Wir verstehen uns als Ausbildungsunternehmen und stellen deshalb bevorzugt Hochschulabsolventen ein", sagt Bernd Pickhardt, HR Partner für Wirtschaftsprüfung und prüfungsnahe Beratung bei PwC.

Nachwuchsbedarf wird auch KPMG weiterhin haben. 700 Bewerber stellt die Prüfungsgesellschaft in diesem Jahr ein, und das wird laut Werhahn angesichts des steigenden Prüfungs- und Beratungsbedarfs auch in Zukunft so bleiben.

Arthur Anderson setzt auf E-Recruiting

Nachwuchs wird bei Arthur Anderson verstärkt über E-Recruiting angesprochen. Dafür kooperiert das Unternehmen mit führenden elektronischen Stellenbörsen. Außerdem nutzt das Unternehmen Vorträge und Seminare an Universitäten als Rekrutierungs-Instrument. Hinzu kommt ein internationales Praktikantenprogramm, das Top-Absolventen schon sehr früh erreicht. Solche Mittel setzt auch KPMG verstärkt ein, die über ihr Unternehmensnetzwerk zunehmend auch Quereinsteiger in ganz Europa rekrutiert: "Wir suchen nicht nur nach klassischen Wirtschaftswissenschaftlern, sondern für Spezialgebiete auch nach Kandidaten aus Fakultäten wie Mathematik, Physik und Informatik", sagt Werhahn.

Ob Gesellschaften nun groß, mittelgroß oder klein sind, alle verbindet die problematische Personalsuche. "Seit zwei Jahren versuchen wir, zwei Stellen zu besetzen", beschreibt Volker Brose, Prokurist bei Detlef einem Neun-Mitarbeiter-Team, das Problem. Die Real Wirtschaftsprüfung schaltet fast wöchentlich Anzeigen in der Berliner Presse: "Nachwuchs zu finden, ist schwierig, weil das Fach durch sein schweres und zeitaufwändiges Examen unbeliebt ist", klagt auch Real-Partner und Geschäftsführer Wolf-Michael Farr. Doch er sieht Hoffnung: "Die Vereinfachung der Ausbildung, die derzeit in Arbeit ist, könnte die Situation bald entschärfen." 20 Prüfungsassistenten stellte die Gesellschaft in diesem Jahr ein, fünf bis zehn weitere könnte sie noch gebrauchen. Das Problem: "Als Mittelständler sind wir fast chancenlos, da Bewerber zuerst die großen Gesellschaften ansteuern."

Nicht in allen Regionen ist das Personal knapp

Anke Wolf, Personalleiterin von Rölfs Partner, einem Unternehmen, das 214 Prüfer an Bord hat, sieht die Lage nicht ganz so düster: "Der Bewerberstrom ist bei uns in diesem Jahr sogar angestiegen, so dass wir die Belegschaft erneut um ein Drittel aufstocken konnten." Allerdings gibt es regionale Unterschiede: Während in Frankfurt und Düsseldorf Personal knapp ist, kennt man an den Standorten Berlin und Leipzig keine Rekrutierungsprobleme. Das Unternehmen behauptet sich gegen die Big Five durch die Abwicklung von Sonderprojekten, wie der Begleitung von Börsengängen, Restrukturierungen und Sanierungen. Das reizt auch Mitarbeiter der Großen: "Viele wechseln, weil ihnen die Arbeit zu spezialisiert wird, und der Weg zur Partnerschaft zu lang ist", erzählt Wolf.

Während viele unter Nachwuchsproblemen klagen, hat sich wenigstens die Lage bei der Fluktuation entspannt. Rölfs Partner liegt nach fast 20 Prozent im vergangenen Jahr nun bei 13 Prozent. Bei den Großen sieht es ähnlich aus (PwC 14, KPMG 12, Ernst & Young 14 Prozent). Und selbst auf dem Bewerbermarkt erkennen einige Unternehmen erste Zeichen der Entspannung: Der Abschwung des Neuen Marktes wirke sich entspannend auf die Bewerbersituation aus, so Bernd Pickhardt von PwC. Auch bei KPMG klopfen erste hoch qualifizierte Hochschulabsolventen an, die noch vor wenigen Monaten eher in die New Economy gegangen wären. Der Trendwende hilft auch der Wechsel des Berufs-Images: Der Häkchenmacher ist längst zum global agierenden Wirtschaftsprüfer geworden, der Unternehmen der Old- und New-Economy prüft und berät. Der einst als staubig geschmähte Beruf ist spannend geworden.

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