Generalisten unter Bankern gefragt
Geschäft mit Fusionen und Übernahmen liegt darnieder

Die Königsdisziplin des Investment-Banking, Mergers & Akquisitions, steckt mitten in der Krise. Die Situation hat sich im dritten Quartal weiter verschärft. Doch es keimt zarte Hoffnung, dass der Boden erreicht ist und bald Übernahmen von kleinen bis mittleren Unternehmen häufiger zu sehen sind.

FRANKFURT/M. Morgan Stanley hat eine faustdicke Überraschung im Geschäft mit Fusionen und Übernahmen (Mergers & Acquisitions/ M & A) geschafft. Trotz des Verlusts von Spitzenleuten im Investmentbanking-Team in Deutschland belegte das Institut in den ersten neun Monaten Rang eins. Nach den Berechnungen des Informationsdienstleisters Mergermarket in London verwies die Bank namhafte Adressen wie Deutsche Bank, JP Morgan, Merrill Lynch und Credit Suisse First Boston auf die weiteren Plätze.

Der Erfolg von Morgan Stanley hat seine Namen. Dazu gehört Christian Dyvig. Er fädelte etwa den Kauf von Reemtsma Cigarettenfabriken durch die Imperial Tobacco Group ein. Nach einem viermonatigen Bieterwettbewerb bezahlte Imperial 6,8 Mrd. Euro für die Reemstma-Anteile, die vor allem aus dem Besitz der Hamburger Kaufmannsfamilie Herz stammten.

So schön die Erfolge für die einzelnen Häuser sind - über die Gesamtsituation können auch sie nicht hinwegtäuschen: Die Königsdisziplin Merger&Akquisitions steckt weltweit in der Krise und ist auf das Niveau von vor fünf Jahren abgerutscht. Inzwischen wird mit 1Bill. US$ in drei Quartalen das gleiche Volumen erzielt wie in den Boomjahren 1999 und 2000 in drei Monaten. In Europa ist das Geschäft in den ersten neun Monaten laut Mergermarket um 40% auf 105,04 Mrd. Euro im Vergleich zum Vorjahr eingebrochen. Es werde mit harten Bandagen gekämpft. Teilweise böten die Banken ihre Dienste sogar zum Nulltarif an, um in den "Rennlisten" in der Spitzengruppe zu erscheinen und damit eine bessere Ausgangsposition im Wettbewerb um Mandate zu haben.

Das reicht aber nicht. Inzwischen gibt es kaum mehr eine Investmentbank, die ihre Kapazitäten nicht Quartal für Quartal neu anpasst. Das gilt selbst für Goldman Sachs. Die Bank steht weltweit an der Spitze und rangiert auch in Europa auf Platz vier. Goldman will weiter die Belegschaft abbauen, weil kein Umschwung in der Finanzindustrie in Sicht ist. Allein im letzten Quartal wurden rund 500 Mitarbeiter freigesetzt. Insgesamt wurden bei den Investmentbanken in diesem Jahr weltweit Zehntausende entlassen.

Gefragt sind nach dem Eindruck von Charlie Welsh von Mergermarket inzwischen die Generalisten unter den M&A-Bankern. "Der Einbruch im Geschäft hat die Allrounder wieder nach oben gespült, die ein Land oder eine Region abdecken", betont Welsh. Außerdem sollen sie auch fähig sein, jede Art von Deal durchzuführen. Die Spezialisten unter den Bankern - viele von ihnen starteten ihre Karriere mit Berufserfahrung in einer bestimmten Industrie - sind nach dem Eindruck des Experten nicht mehr "in". Für das M&A-Geschäft wäre es ein Lichtblick, wenn die Entwicklung so kommt, wie sie Stefan Jaecklin von Oliver, Wyman & Company vorhersagt: "Wir gehen davon aus, dass im Geschäft mit Fusionen und Übernahmen der Boden erreicht ist. Die nächsten beiden Quartale werden besser aussehen." Nach dem Schock durch die Bilanzfälschungen bei Enron, Worldcom&Co. und der Zurückhaltung der Akteure, verstärke sich jetzt der Druck, bei Restrukturierungen voran zu kommen und die eigenen strategischen Überlegungen vorwärts zu treiben. So müssten sich gerade deutsche Versicherer überlegen, ob sie ein eigenes Asset Management über die gesamte Produktpalette benötigten. Jüngstes Beispiel ist die Gerling Versicherung. Das Unternehmen will sein Publikumsfondsgeschäft verkaufen.

Neben Restrukturierungen wird nach Ansicht von Welsh der Rückzug von kleinen bis mittleren Unternehmen von der Börse nach einer Akquisition durch Finanzinvestoren das Bild bis in 2003 hinein bestimmen - davon sollte besonders Deutschland profitieren. Nicht so optimistisch gestimmt ist Christian Stroop von JP Morgan: Erst wenn sich die Märkte beruhigt hätten und größere Zuversicht eingekehrt sei, könne sich die Situation bei Fusionen und Übernahmen wieder grundlegend verändern.

Robert Landgraf
Robert Landgraf
Handelsblatt / Chefkorrespondent Finanzmärkte
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