Generationenwechsel in Gütersloh
Wohin geht Middelhof?

Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff hat sein Amt völlig überraschend niedergelegt - wegen unterschiedlicher Auffassungen über die künftige Strategie, so die offizielle Begründung des Konzerns. Außerdem habe es auch Differenzen über die Zusammenarbeit zwischen Vorstand und Aufsichtsrat gegeben, begründete Bertelsmann den überraschenden Schritt weiter.

Reuters GÜTERSLOH. Eigentlich sollte Middelhoff den Bertelsmann-Konzern ab 2005 an die Börse führen. Nach Informationen aus Branchenkreisen war vor allem der geplante Börsengang von Bertelsmann umstritten.

Nachfolger soll der fast 60-jährige Gunter Thielen werden. Thielen ist Bertelsmann-Vorstand und Präsident des Mehrheitsgesellschafters Bertelsmann Stiftung. Nun tritt er von seinem Amt als Präsident der Bertelsmann-Stiftung zurück. Thielen und sein Stellvertreter Siegfried Luther, Finanzvorstand der Bertelsmann AG, sollen nun für "Kontinuität in der weiteren globalen Konzernentwicklung" sorgen, hieß es.

In Medienberichten wurde spekuliert, Middelhoff könne Nachfolger des ehemaligen Telekom-Chefs Ron Sommer werden. Wie "Bild"-Zeitung unter Berufung auf engste Vertraute des Spitzenmanagers schrieb, soll Middelhoff über seine zukünftige berufliche Tätigkeit aber noch keinerlei Gespräche geführt haben. Alles andere sei reine Spekulation und entspreche nicht den Tatsachen. Auch Telekom-Aufsichtsrat Dieter Hundt hat den Spekulationen, Middelhoff werde die Sommer-Nachfolge antreten, eine Absage erteilt.

Nach Angaben aus Branchenkreisen hat Middelhoff dagegen ein Angebot vom US-Medienkonzern AOL Time Warner erhalten. AOL Time Warner sucht nach dem Rücktritt des Chief Operating Officers Robert Pittman nach einem neuen Chef für das Online-Geschäft des Konzerns. Ob der US-Medienkonzern Middelhoff diesen Posten angeboten hat, war in den Kreisen aber nicht bekannt. Middelhoff hatte in der Vergangenheit ein enges Verhältnis zum AOL-Konzern und dessen Chef Steve Chase, mit dem er das Online-Geschäft in Europa aufbaute.

Derzeit verhandele Middelhoff mit Bertelsmann noch über sein Ausstiegspaket, hieß es in den Kreisen weiter. Der 49-Jährige habe kürzlich seinen Vertrag mit Bertelsmann um weitere fünf Jahre verlängert, weshalb in Branchenkreisen zumindest die Auszahlung dieser fünf Jahresgehälter für wahrscheinlich gehalten wird. "Bertelsmann lässt sich den Ausstieg von Middelhoff ganz schön was kosten", sagte ein Analyst dazu.

Middelhoff ist seit 1994 Mitglied im Vorstand des Konzerns und hatte maßgeblichen Anteil an der Neuausrichtung des Konzerns mit einer zunehmenden Internationalisierung des Geschäfts. Seit Oktober 1998 führt er den Konzern und baute, oft gegen konzerninternen Widerstand, vor allem die Bereiche elektronische Unterhaltung und Online-Dienste aus. Zuletzt erwarb Middelhoff die Internet-Musiktauschbörse Napster und die weltweit größte unabhängige Plattenfirma Zomba.

Wie Bertelsmann weiter mitteilte, fiel das operative Ergebnis des Konzerns im ersten Halbjahr 2002 positiv aus. Der Jahresüberschuss liege inklusive der letzten Rate aus dem Verkauf der Beteiligung an AOL Europa auf "erfreulicher Höhe". Bertelsmann erwarte auch für das laufende Jahr eine 15-prozentige Verzinsung der Genussscheine.

Im April hatte Middelhoff gesagt, er rechne für 2002 mit einem noch besseren Ergebnis als die 4,16 Milliarden Euro aus dem vergangenen Jahr. Die Internet-Sparte soll 2003 die Gewinnschwelle erreichen.

Mehrheitsgesellschafter der Bertelsmann AG ist die Bertelsmann Stiftung mit 57,6 Prozent. Eine Minorität von 25,1 Prozent hält die belgische Groupe Bruxelles Lambert. Die Familie Mohn besitzt die übrigen 17,3 Prozent. Zu Bertelsmann gehören unter anderem die RTL Group mit 23 Fernseh- und 14 Radiosendern, der weltgrößte Buchverlag Random House und das Verlagshaus Gruner + Jahr.

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