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Genuss ohne Reue

Genussscheine sind eine Alternative zu Anleihen. Sie bieten höhere Zinsen bei überschaubarem Risiko und obendrein locken sie mit einem Steuervorteil. Allerdings gleicht kein Schein dem anderen und mitunter lauern Stolpersteine im Kleingedruckten der Emissionsbedingungen. Genussscheine sind eine Alternative zu Anleihen. Sie bieten höhere Zinsen bei überschaubarem Risiko und obendrein locken sie mit einem Steuervorteil. Allerdings gleicht kein Schein dem anderen und mitunter lauern Stolpersteine im Kleingedruckten der Emissionsbedingungen.

HANDELSBLATT Die Überraschung war gelungen. Als vor zwei Wochen eine Ponystute in einem englischen Freizeitpark endlich ihr Fohlen zur Welt gebracht hatte, staunten Tierarzt und Pfleger nicht schlecht: Das Ergebnis sah der Mutter nur entfernt ähnlich. Es war ein Zebra - offenbar Folge eines Fehltritts aus einer Zeit, als die Ponydame ihr Gehege mit einem Zebramännchen teilen musste. Solche artfremde Kreuzungen sind in der Natur selten, aber sie kommen vor.

Der Genussschein-Check

Auch an der Börse haben sich Mischungen zwischen verschiedenen Anlageformen einen bescheidenen, aber festen Platz erobert. Zu den Klassikern gehören dabei Genussscheine. Dabei handelt es sich um ein Mittelding zwischen Aktie und Anleihe. Hauptvorteil für den Anleger: Er erhält zwischen 1,2 und drei Prozentpunkte mehr Rendite als bei einer Bundesanleihe, ohne dass er deutliche Abstriche bei der Bonität des Emittenten machen muss - wie zum Beispiel bei hochprozentigen Unternehmens- oder Staatsanleihen. Die Kehrseite ist, dass sich der Anleger mit den Tücken und Eigenheiten dieser Anlageform beschäftigen muss.

Mit Genussscheinen beteiligt er sich am Grundkapital des Emittenten. Auf die üblichen Rechte eines Aktionärs wie zum Beispiel das Teilnahme- oder Stimmrecht auf der Hauptversammlung, müssen Genussscheinanleger aber verzichten. Dafür erhalten sie in der Regel wie bei einer Anleihe ihr Geld zu einem bestimmten Termin zurück, und sie haben Anspruch auf eine jährliche Ausschüttung. Wie genau das alles geregelt ist, lässt sich immer nur für den Einzelfall sagen. Genussscheine sind nämlich anders als Aktien oder Anleihen keine standardisierten Wertpapiere.

Alle Details kann der Emittent individuell an seine Finanzierungsbedürfnisse anpassen und in den jeweiligen Emissionsbedingungen festlegen. Dementsprechend herrscht bei den rund 650 Scheinen, die zurzeit in Deutschland umlaufen, ein buntes Durcheinander in Sachen Ausstattungsmerkmale. Was deren Höhe und Zusammensetzung betrifft, sind der Phantasie des Emittenten kaum Grenzen gesetzt. Generell lassen sich Genussscheine in Emissionen mit fester und variabler Ausschüttung unterscheiden. Scheine mit fester jährlicher Ausschüttung zahlen ihren Inhabern eine gleich bleibende Verzinsung. Dieser Typ ist am ehesten mit einer normalen Anleihe vergleichbar. Dagegen passen Scheine mit variabler Verzinsung ihre Ausschüttung in regelmäßigen Abständen an einen bestimmten kurzfristigen Referenzzinssatz - zum Beispiel den Libor - an. Dazu kommt dann in der Regel ein fester Aufschlag. Möglich ist aber auch, dass die Ausschüttung in einem bestimmten Verhältnis an die den Aktionären des Unternehmens gezahlte Dividende gekoppelt wird. In vielen Fällen wird dabei eine Basisverzinsung plus einer Erfolgskomponente gezahlt - wie zum Beispiel beim Schein der Württ AG.

Die dritte und exotischste Version sind Scheine mit einem Wandel- oder Optionsrecht. Das heißt, der Inhaber kann während der Laufzeit den Schein in einem vorher festgelegten Verhältnis in Aktien des betreffenden Unternehmens wandeln oder zusätzliche Anteile zu einem vorher festgelegten Kurs beziehen. Die Zahl derart ausgestatteter Scheine hat sich in den vergangenen Jahren allerdings verringert. Bei fast allen Emissionen ist eine Ausschüttung allerdings daran gekoppelt, dass der Emittent schwarze Zahlen schreibt.

Ertragszahlungen werden aus dem Jahresgewinn finanziert

Anders als die Zinsen bei einer Anleihe, werden die Ertragszahlungen der Genüsse aus dem Jahresgewinn finanziert. Die Ansprüche der Genussscheininhaber rangieren zwar vor denen der Aktionäre, aber das hilft nichts, wenn das Unternehmen in einem Jahr Verluste macht. Dann gehen beide Gruppen leer aus. Unternehmen, die etwas auf sich halten, statten ihre Emissionen mit einem Nachzahlungsanspruch aus. Eventuell ausgefallene Zahlungen werden in den Folgejahren nachgeholt, wenn die Geschäfte wieder besser laufen sollten.

Diese Verpflichtung gilt allerdings nur während der Laufzeit des Scheins. Ernst wird es allerdings, wenn das Unternehmen auf Dauer rote Zahlen schreibt. Wenn das Grundkapital angeknabbert wird, um den Fehlbetrag auszugleichen, mindert sich bei vielen Scheinen der Rückzahlungsanspruch entsprechend. Kommt es gar zur Pleite, droht den Genusscheinkäufern in der Regel der Totalverlust. "Bei der Auswahl eines Scheins muss deshalb der Bonität erhöhte Beachtung geschenkt werden", sagt Guido Goretti, Analyst bei der Commerz Asset Managers GmbH. "Dies könnte durch die in letzter Zeit bekannt gewordenen Schwierigkeiten einiger Kreditinstitute ein Thema werden." Die finanziellen Probleme der Bankgesellschaft Berlin haben gezeigt, dass auch bei vermeintlich sicheren Herausgebern von Genussscheinen die Solvenz eine Rolle spielt. Immerhin stammen rund 95 Prozent aller Genussemissionen von Banken und Sparkassen. Neben der Bonität sollte auch die Liquidität beachtet werden. Teilweise findet kaum ein Umsatz bei einzelnen Scheinen statt. Der Käufer muss damit rechnen, dass er das Papier bis zum Laufzeitende behalten muss. "Das Ausschüttungs-, Rückzahlungs- und Liquiditätsrisiko darf man nicht unterschätzen", sagt Hartmut Preiß, Analyst bei der DG-Bank. "Wir empfehlen Genusscheine nur zur Depotbeimischung."

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