George W. Bush
Analyse: In Reagans Fußstapfen

Angesichts weltweiter Proteste gegen den Irak-Krieg verweist die US-Regierung in diesen Tagen immer wieder auf die Situation Anfang der 80er-Jahre. Zufall? Keineswegs. Damals gingen in Westeuropa Millionen Menschen gegen die Nato-Nachrüstung auf die Straße. Insbesondere in der Bundesrepublik wurden Sitzblockaden vor amerikanischen Kasernen zum Lackmustest für Gesinnungsethiker.

Doch US-Präsident Ronald Reagan blieb bekanntlich hart. Mit einer massiven Aufrüstungspolitik und einer glühenden Freiheitsrhetorik setzte er das Sowjetimperium unter Druck. Durch seinen Berliner Imperativ "Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder!" machte er sich 1987 bei den Bannerträgern der Konservativen unsterblich. Reagan wurde von einem historischen Sendungsbewusstsein beflügelt, dem zufolge Amerika die Rolle des Heilsbringers gegen Diktatur und Unterdrückung innehatte.

Exakt das gleiche ideologische Strickmuster lässt sich heute bei Präsident George W. Bush beobachten. Was für Reagan die "Ent-Knechtung" Osteuropas war, ist für Bush die "Ent-Tyrannisierung" des Nahen Ostens. Der Irak ist in Bushs Optik der erste Dominostein für die Demokratisierung der gesamten Region. Die Parallelen gehen bis hin zum religiösen Pathos, mit dem die beiden Präsidenten ihre Kampagne untermauerten: Reagan lief Sturm gegen das "Reich des Bösen" in Moskau, Bush hat den Kampf gegen die "Achse des Bösen" - bestehend aus Irak, Iran und Nordkorea - zu seiner Mission erklärt.

Selbst hinsichtlich der Kritik, gegen die sich beide wehren mussten, gibt es große Gemeinsamkeiten: Vor allem aus Intellektuellenkreisen hagelte es kübelweise Spott. Bei Reagan war es das Bild vom mittelmäßigen Hollywood-Schauspieler, der sich nach Washington verirrt hat. Bei Bush ist es das Klischee vom ungehobelten Cowboy aus Texas, der auf alles schießt, was sich bewegt.

Auch in der Innenpolitik bewegt sich Bush in Reagans Fußstapfen. Die Rüstungsausgaben im Budget 2003 wiesen eine Steigerung von rund 14 Prozent auf - das ist das größte Plus seit der Reagan-Ära. Die Wirtschaftspolitik der beiden gilt eher als eindimensional: Über das Allheilmittel von gigantischen Steuersenkungen zur Ankurbelung der Konjunktur geht das Repertoire kaum hinaus. Umso erstaunlicher, dass diese Linie trotz drastisch steigender Haushaltsdefizite durchgehalten wurde. Den von Etatlöchern geplagten G7-Finanzministern müssen sich am Wochenende in Paris die Haare gesträubt haben, als ihnen ihr amerikanischer Amtskollege John Snow einmal mehr die Steuersenkungs-Litanei vorspielte.

George Bush senior machte sich in den 80er-Jahren über Reagans Fiskalpolitik lustig: Der Glaube, dass Unternehmen durch eine geringere Steuerlast mehr produzieren und dem Staat somit mittelfristig höhere Einnahmen bescheren, sei "voodoo economics". Heute betreibt Bush junior "voodoo economics". Er ist in der Grundausrichtung seiner Politik Reagan viel näher als seinem Vater. Der Erklärungsversuch, Bush vollende im Irak nur den Job des Seniors - der 1991 eben nicht bis nach Bagdad marschierte -, ist ein Mythos. Doch Mythen halten sich oft sehr lange.

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