Geplante Antidiskriminierungsrichtlinie soll Frauen und Männer in privaten Kranken- und Lebensversicherungen gleichstellen
EU will Unisex-Tarife erzwingen

EU-Sozialkommissarin Anna Diamantopoulou will die Tarifgestaltung bei der privaten Kranken- und Rentenversicherung umkrempeln: Frauen und Männer sollen Einheitstarife zahlen und Einheitsrenten erhalten. Vorbilder gibt es bereits in Frankreich und Schweden. Die Versicherungswirtschaft ist ausser sich.

BRÜSSEL. Zwischen der EU-Kommission und Versicherungswirtschaft laufen in diesen Tagen die Telefondrähte heiß: Die Assekuranz protestierte bei EU-Sozialkommissarin Anna Diamantopoulou gegen das Vorhaben, geschlechtsneutrale Tarife in der privaten Kranken- und Rentenversicherung vorzuschreiben. Die griechische Kommissarin will trotzdem daran festhalten: "Es ist mit dem Gleichheitsgrundsatz nicht vereinbar, wenn Frauen höhere Beiträge als Männer zahlen oder geringere Renten beziehen", sagen Mitarbeiter der Kommissarin.

Der Eingriff in die Tarifgestaltung privater Versicherungen, den Diamantopoulou plant, ist weit reichend. Betroffen sind Gruppenversicherungen im Rahmen der betrieblichen Altersvorsorge, individuelle Lebensversicherungen auf Rentenbasis und die private Krankenversicherung. Ihnen will Diamantopoulou nunmehr in einer neuen Anti-Diskriminierungsrichtlinie Unisex-Tarife vorschreiben.

Die Lebensversicherung dürfe ihre Tarife nicht allein von der durchschnittlichen Lebenserwartung von Frauen und Männern abhängig machen, heißt es im Umfeld von Diamantopoulou. Die bei der Tarifkalkulation zugrunde gelegten Sterbetafeln würden Frauen benachteiligen, denn sie gingen derzeit davon aus, dass Frauen etwa fünfeinhalb Jahre länger leben als Männer. Deshalb zahlen die Versicherungsgesellschaften Frauen bei gleichem Prämienaufkommen eine niedrigere monatliche Leibrente als Männern. Der Unterschied im Rentenniveau beträgt nach Angaben des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) zwischen 9 und 12 %.

Die Experten der EU-Sozialkommissarin ziehen diese Kalkulationsmethode der Versicherungsgesellschaften nun in Zweifel. Frauen seien zunehmend berufstätig und deshalb dem gleichen Stress ausgesetzt wie Männer. Die Differenz in der Lebenserwartung schrumpfe daher zusammen. Genetisch sei zudem nicht nachweisbar, dass Frauen länger lebten als Männer, heißt es im Mitarbeiterstab von Diamantopoulou.

Der GDV weist dies mit Nachdruck zurück. "Unterschiedlich hohe Renten sind das Ergebnis einer versicherungstechnisch gebotenen Differenzierung", heißt es in einer GDV-Stellungnahme für die EU-Kommission. Protest kommt auch vom Europäischen Versicherungsverband Comité Européen des Assurances (CEA) in Paris. "Geschlechtsneutrale Tarife führen zu einer Umverteilung. Sie bedeuten, dass Männer die Frauen subventionieren müssten", sagt CEA-Experte Franz-Josef Werle. Eine solche "Gleichmacherei" sei in der privaten Versicherung völlig unmöglich. Hier zähle nur die individuelle Risikostruktur der versicherten Person. Dazu gehöre auch die Lebenserwartung.

Ähnlich argumentieren die Krankenversicherer. "Bei Frauen ist der medzinische Versorgungsbedarf größer als bei Männern. Deshalb müssen auch die Beiträge höher sein.", sagt ein Sprecher des Verbandes der Privaten Krankenversicherung (PKV). Die Experten der EU-Sozialkommissarin sehen das anders. Es gehe nicht an, dass die Krankenversicherung den Frauen die Kosten für Schwangerschaft und Geburt allein aufbürde. Das Kinderkriegen müsse von beiden Geschlechtern gleichermaßen finanziert werden.

Die Versicherungsbranche beharrt ihrerseits darauf, dass für die Tarifkalkulation ausschließlich die individuelle Risikostruktur des Versicherten maßgeblich sei. Aus diesem Grund biete man Frauen in einigen Sparten günstigere Tarife an als Männern. Dies gelte für Kfz-Versicherungen wegen der geringeren Unfallhäufigkeit bei Frauen und auch für Todesfall-Versicherungen.

In Deutschland gab es während der Diskussionen um die staatlich geförderte Riester-Rente Forderungen aus der SPD nach geschlechtsneutralen Tarifen in der Altersvorsorge. In Frankreich und Belgien hat der Gesetzgeber in der betrieblichen Gruppenversicherung geschlechtsneutrale Tarife vorgeschrieben. Auch private Krankenversicherer in Frankreich bieten Unisex-Tarife an, die allerdings nur einen Mindestschutz bieten.

Nach Angaben des Pariser CEA gibt es zudem in Schweden zwei kleinere Gesellschaften, die Unisex-Tarife in der privaten Rentenversicherung anbieten.

Ruth Berschens leitet das Korrespondenten-Büro in Brüssel.
Ruth Berschens
Handelsblatt / Büroleiterin Brüssel
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