Geradlinig und undogmatisch
Marianne Birthler - neue Hüterin der Stasiakten

Eine Stasi-Akte hat sie nicht mehr. Unter dem Namen Marianne Birthler fanden sich in den gesäuberten Archiven der DDR-Staatssicherheit nur leere Ordner mit dem Vermerk "sofort vernichten". Geblieben sind Spitzel-Berichte über sie in Akten, die Freunde in ihren unvernichteten Dossiers fanden.

afp BERLIN. Mit solch bitteren Erfahrungen wird die Grünen-Politikerin an ihrer künftigen Arbeitsstelle tagtäglich konfrontiert werden: Nachdem sich sowohl die Fraktionsspitzen der rot-grünen Koalition als auch das Bundeskabinett auf Birthler geeinigt haben, steht der Wahl der 52-Jährigen zur Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen durch den Bundestag nichts mehr im Wege. Die Nachfolgerin von Joachim Gauck gehört zu den wenigen ostdeutschen Wendefrauen, die der Politik bis heute treu geblieben sind.

Voraussichtlich am 3. Oktober wird die sanfte DDR-Rebellin Hüterin der Hinterlassenschaften des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Geradlinig und undogmatisch war ihr Umgang mit dem Thema Stasi stets. Die ehemalige evangelische Katechetin und Gemeindehelferin ist nicht dafür zu gewinnen, einen Schlussstrich unter das Kapitel Stasi zu ziehen. Dafür war der lange Krakenarm des MfS für sie wie für Millionen weiterer DDR-Bürger bis zum Mauerfall eine zu bestimmende Erfahrung.

Als am 14. Oktober 1990 erstmals freie Wahlen für die Parlamente der neugegründeten Länder stattfanden, bedeutete das für Birthler in Brandenburg den Weg an den Kabinettstisch als Bildungsministerin der einzigen ostdeutschen Ampelkoalition. Dort galt sie als Mutter der Beschäftigungssicherung: Durch einen Verzicht auf bis zu 40 Prozent der Arbeitszeit und niedrigere Osttariflöhne konnten Lehrer-Entlassungen verhindert werden. Zudem rief die Christin gegen vehemente Proteste beider Kirchen das Schulfach Lebensgestaltung, Ethik, Religionskunde (LER) als Alternative zum Religionsunterricht für die weitgehend atheistisch geprägten märkischen Schüler ins Leben.

Der Streit über den Umgang mit dem Thema Stasi bescherte der Ampelkoalition ein vorzeitiges Ende. Vor acht Jahren kündigte die Bündnis-90-Politikerin ihren Job als Bildungsministerin bei SPD-Regierungschef Manfred Stolpe, nachdem dessen jahrzehntelangen Stasikontakte nach und nach bekannt geworden waren. "Immer deutlicher ist für mich zu spüren, dass der Demokratie, die wir neu gewonnen haben, durch die Art und Weise der Diskussion über die Vergangenheit des Ministerpräsidenten schwerer Schaden zugefügt wird", begründete sie ihren Bruch mit Stolpe. "Ausflüchte, zweifelhafte Erklärungsmuster, verspätete oder halbherzige Eingeständnisse - neuerdings auch irgendein Meineid - zerstören unsere politische Kultur", sagte sie damals.

Seit 1995 leitet sie das Berliner Büro der Grünen-Bundestagsfraktion, im gleichen Jahr erhielt sie für ihre Rolle als DDR-Bürgerrechtlerin am Runden Tisch das Bundesverdienstkreuz. Als sie im vergangenen Dezember Kandidatin für die Gauck-Nachfolge wurde, signalisierte auch der damalige CDU/CSU-Fraktionschef Wolfgang Schäuble Unterstützung. Ihrer politischen Heimat ist Birthler auch im örtlichen Sinne treu geblieben. Noch heute lebt sie im Ost-Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, wo sie in der Gethsemane-Kirche zu jener evangelischen Opposition gehörte, die eine Schlüsselrolle bei der Wende spielte.

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