Gerangel um EZB-Posten
Trichet muss sich vor Gericht verantworten

Der französische Zentralbank-Chef Jean-Claude Trichet - bislang aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge von EZB-Präsident Wim Duisenberg - muss sich nun doch wegen einer Bankenaffäre vor Gericht verantworten.

Reuters PARIS. Die französische Staatsanwaltschaft bestätigte am Dienstag die überraschende Entscheidung des zuständigen Untersuchungsrichters Philippe Courroye. Dieser entschied damit entgegen den Empfehlungen der Staatsanwaltschaft. Ein Gerichtsverfahren könnte die Aussichten auf Trichets Wechsel an die EZB-Spitze im kommenden Jahr schmälern. Die Europäische Zentralbank (EZB) lehnte ebenso wie die französische Zentralbank und das Finanzministerium in Paris einen Kommentar zu der Entscheidung ab.

Untersuchungsrichter Philippe Courroye, der sich mit möglichen Bilanzmanipulationen beim Credit Lyonnais in den frühen neunziger Jahren befasst, sah genügend Anhaltspunkte, um Trichet neben anderen vor Gericht zu stellen, wie ein Staatsanwalt am Dienstag bekannt gab. Die französische Staatsanwaltschaft kann nun entweder einen Gerichtstermin festlegen oder gegen die Entscheidung Courroyes Berufung einlegen.

Affäre um das Bankhaus Credit Lyonnais

Ende Mai hatte es ein französischer Staatsanwalt noch abgelehnt, Trichet im Zusammenhang mit der Affäre um das ehemals staatliche Bankhaus Credit Lyonnais vor Gericht zu bringen. Gegen Trichet wird seit Mitte 2000 im Zusammenhang mit einer umfangreichen Untersuchung der finanziellen Probleme des Credit Lyonnais in den frühen 90er Jahren ermittelt. Zu jener Zeit war Trichet als hochrangiger Mitarbeiter der Bank von Frankreich verantwortlich für die Aufsicht über die Staatsunternehmen.

Die französische Zentralbank hatte einen Bericht der Tageszeitung "Le Parisien" vom Dienstag nicht kommentieren wollen, dem zufolge Trichet sich vor Gericht verantworten muss. Nach Bekanntgabe der Entscheidung lehnten auch die Europäische Zentralbank (EZB) und das französische Finanzministerium eine Stellungnahme ab. "Wir haben dazu keinen Kommentar", sagte ein EZB-Sprecher.

Der derzeitige EZB-Präsident Duisenberg hatte im Februar seinen frühzeitigen Rücktritt von seinem Amt für den 9. Juli 2003 - seinem 68. Geburtstag - angekündigt. Bislang gilt der 59-jährige Trichet als aussichtsreichster Kandidat für die Duisenberg-Nachfolge. Juristisches Gerangel, das vor rund zwei Jahren begonnen hat, weckte allerdings zunehmend Zweifel über Trichets Eignung für den Posten des EZB-Chefs.

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