Gerechtigkeitspartei-Chef könnte die Parlamentswahlen gewinnen
Islamistenchef sieht sich schon als türkischer Premier

Wie kann die zerstrittene türkische Linke geeinigt werden? Diese Frage erörterte der kürzlich zurückgetretene türkische Außenminister Cem gestern in Berlin mit Kanzler Schröder. Cem, Vorsitzender der Partei "Neue Türkei", hat Schützenhilfe nötig. Denn klarer Favorit bei den Wahlen im November ist der Chef der islamischen Ak-Partei, Erdogan.

ANKARA. Wenn er durch Anatolien reist, jubeln ihm die Massen zu. Recep Tayyip Erdogan, Vorsitzender der islamischen Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (Ak-Partei), ist Hoffnungsträger für jene Millionen Türken, die sich als Opfer der chronischen Wirtschaftskrise sehen. Aber für die westlich orientierte Elite und die türkischen Militärs ist der 49-Jährige mit dem kurz gestutzten Oberlippenbärtchen ein rotes Tuch.

Folgt man den jüngsten Meinungsumfragen, könnte die Ak-Partei im nächsten Parlament, das am 3. November gewählt wird, die absolute Mehrheit der Mandate bekommen. "Ich bin sicher, wir werden aus eigener Kraft die nächste Regierung bilden", sagt Erdogan. Profitieren könnten die Religiösen vor allem von der Zersplitterung der pro-westlichen sozialdemokratischen Reformkräfte. Sie will der frühere Außenminister Ismail Cem in seiner Partei "Neue Türkei" bündeln - bisher aber ohne großen Erfolg. Ob Bundeskanzler und SPD-Chef Gerhard Schröder ihm gestern entscheidende Tipps geben konnte, ist mehr als fraglich. Den türkischen Meinungsumfragen zufolge würde Erdogans Ak bei den Parlamentswahlen 19 % der Stimmen erhalten, gefolgt von der rechtsextremen Partei der Nationalistischen Bewegung mit 10,6 %. Alle anderen Parteien könnten die in der Türkei geltende Zehn-Prozent-Hürde nicht überspringen.

Für die türkischen Wirtschaftsführer wäre ein Wahlsieg der Ak ein Schreckensszenario. Erdogan, der keine Fremdsprache spricht, gilt in außen- und wirtschaftspolitischen Fragen als völlig unbeschlagen. Zwar gibt er sich gemäßigt, aber darin sehen viele nur ein Täuschungsmanöver. Erst einmal an der Macht, werde Erdogan versuchen, in Anatolien einen islamischen Gottesstaat zu errichten, fürchten sie.

Erdogan bemüht sich, solche Sorgen zu zerstreuen. Wenn man seine Partei als islamisch bezeichnet, protestiert er: "Ich bin ein gläubiger Muslim, aber das ist meine Privatangelegenheit." Religion spiele in seiner Partei keine größere Rolle als bei den europäischen Christdemokraten. Gegen die türkische Mitgliedschaft in der Nato habe er nichts einzuwenden, den angestrebten EU-Beitritt halte er für einen "notwendigen Schritt". Nach dem 11. September beeilte er sich, "unseren amerikanischen Freunden" seine Anteilnahme auszusprechen. Erdogan weiß, was man von ihm hören will.

Das weiß auch Ali Coskun, Wirtschaftsexperte der Ak. Der Mann hat immerhin gute Referenzen: Er war in den 80-er Jahren Berater des damaligen Regierungschefs Turgut Özal, der sein Land auf einen neuen marktwirtschaftlichen Öffnungskurs einschwor. Die Eckpfeiler des Hilfsprogramms des Internationalen Währungsfonds (IWF), der den krisengeplagten Türken mit insgesamt rund 30 Mrd. $ beisteht, will Coskun nicht antasten. Seine Partei werde die Verschwendung im Staatshaushalt beenden, die Schattenwirtschaft bekämpfen, Fluchtkapital aus dem Ausland per Amnestie zurückholen und die indirekten Steuern senken, um die Konjunktur in Fahrt zu bringen - "alles im Rahmen des IWF-Programms", verspricht Coskun.

Das soll die Wirtschaftsführer beruhigen. Aber auf deren Stimmen kann Erdogan nicht hoffen. Seine Hochburgen sind die Armenviertel, in denen Arbeitslose und entwurzelte Landflüchtige in selbst gezimmerten Hütten hausen: Elendsquartiere, die kein Politiker der bürgerlichen Parteien zu betreten wagt. Inmitten des Mülls und der Fäkalien posiert Erdogan als politischer Saubermann, gelobt, Korruption und Günstlingswirtschaft zu bekämpfen. Damit spricht er vielen Türken aus dem Herzen.

Erdogan selbst kommt aus kleinen Verhältnissen. Im Istanbuler Armenviertel Kasimpasa verkaufte er als Junge Sesamkringel. Sein Vater, ein Seemann, schickte den Sprössling auf ein Imam-Hatip-Gymnasium, eine Religionsschule, an der Imame, islamische Vorbeter, ausgebildet werden. Seiner Leidenschaft für den Fußball verdankt Erdogan den Spitznamen "Imam Beckenbauer". Ein Angebot, als Profi für den Erstligisten Fenerbahce zu kicken, musste der Ballkünstler aber auf Weisung des strengen Vaters ablehnen. Statt in die Oberliga führte sein Weg in die Istanbuler Stadtverwaltung - und in die islamische Wohlfahrtspartei. Auf deren Ticket wurde er 1994 zum Oberbürgermeister der Wirtschaftsmetropole gewählt.Viele Istanbuler attestieren ihm, sich in jenen Jahren als tatkräftiger Kommunalpolitiker bewährt zu haben. An seine damaligen Versuche, Ballett, klassische Musik und westliche Malerei aus dem Istanbuler Kulturleben zu verbannen, Jungen und Mädchen in getrennten Schulbussen zu transportieren, lässt sich Erdogan heute allerdings nicht mehr gern erinnern.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%