Gerhard Schröder steht am Scheideweg
Wahldesaster bringt den Kanzler in Not

Nach den schweren Niederlagen in Hessen und Niedersachsen stehen der Bundesregierung schwere Wochen bevor. Bundeskanzler Gerhard Schröder wird in der Partei für das Wahldesaster mit in die Verantwortung genommen. Die Opposition triumphiert mit historischen Siegen.

BERLIN. Bereits um 17 Uhr verwandelten sich die Parteisoldaten im Willy-Brandt-Haus in echte Soldaten. Tapfer nahmen sie im kleinen Kreis in der Parteizentrale die ersten Umfrageergebnisse von Dimap entgegen: Totalverluste in Niedersachsen und Hessen. Die Berufsoptimisten an der Öffentlichkeitsfront, Generalsekretär Olaf Scholz und Fraktionschef Franz Müntefering, mussten nach der geschlagenen Schlacht Haltung zeigen - nachdem sie sich erst in die Furche geworfen hatten und sich dort lange Zeit vergruben. Haltung in der Niederlage, das war alles, was ihnen in Berlin angesichts der niederschmetternden Wahlpleite übrig blieb.

Tapfer, aber hoffnungsarm gab Olaf Scholz dann in höchster Not den Durchhalteappell aus: "Die Regierung wird weitermachen!" Sigmar Gabriel hatte da längst kapituliert: "Das ist doch klar: eine ganz, ganz schwere Niederlage." Und Schröder? "Der hat hier nicht kandidiert. Ich war der Spitzenkandidat." Dabei hatten er und Gerhard Schröder sich innerlich längst auf die Doppelniederlage in Niedersachsen und Hessen eingestellt. Da half es auch nichts mehr, dass der Parteichef und Kanzler am Mittwoch - schon in müder Tiefststimmung - in einem letzten Frontbefehl seine Truppen aufgefordert hatte, "noch mehr Disziplin" zu zeigen. Vergeblich. Die Niederlage war total.

Zwar wollten die Genossen noch am Sonntag kurz vor der Bekanntgabe des Ergebnisses den Prognosen nicht glauben: Die Umfragen zeigten ein historisches Tief der SPD. Nur noch 25 % Akzeptanz in der Bevölkerung - das würde zum Untergang führen. Und mit Glauben und Unglauben war es Sonntag spätestens um Punkt 18 Uhr dann auch vorbei. Gewissheit und Niedergeschlagenheit, dann auch kein bisschen Trost oder Hoffnung in der Parteizentrale. Die schlimmsten Befürchtungen waren eingetreten.

Gerhard Schröder, das erwartet die Partei bibbernd, steht an einem Scheideweg. Seine Mannschaft in Berlin hat zu der Doppel-Niederlage erheblich beigetragen. Vielleicht hat sich der Kanzler auch schon längst entschieden, mutmaßten einzelne Genossen am Abend. Gesundheitsreform, Steuerreform, Mittelstandsinitiative, Lockerung des Kündigungsschutzes und Arbeitszwang für junge Erwachsene - mit diesen Ideen hatte Superminister Wolfgang Clement kurz vor den Wahlgängen für ein Supertief- Klima bei den Linken und Traditionellen in der Partei gesorgt. All dies droht nun neue Kakofonie, neuen Streit in die SPD zu tragen. "Bescheuerter geht es gar nicht mehr", trotzte ein Juso nach der Bekanntgabe des Ergebnisses. "Wir haben doch alle, alle verprellt!"

Selbst das Gespenst aus dem Saarland ging noch am Abend um. Oskar Lafontaine könnte jetzt wie der Phönix aus der Asche von Saarbrücken nach Berlin geflogen kommen, beunruhigten sich die Gemüter. "Alles kann passieren. Ich halte jetzt nichts für ausgeschlossen", raunte ein intimer SPD-Kenner über seine Verlierer-Truppe. Aber eigentlich meinte er nur Schröder, zu dessen bislang finsterstem Karriere- Tiefpunkt der "Spiegel" zu seiner Schmach rechtzeitig eine Ausgabe beisteuerte - die Titelgeschichte liest sich als ein einziger Nachruf auf den "einsamen Kanzler". Und nicht nur das Magazin verhöhnt ihn. "Für Gerhard Schröder gilt ab sofort das Menetekel: gewogen und für zu leicht befunden", urteilte barsch ein Genosse.

Ganz anders die Union. Die war da längst in Champagner-Laune. Sogar die Niederlage der deutschen Handball-Mannschaft im WM-Finale konnte die Stimmung nicht vermiesen. Angela Merkel, die Chefin, kannte in Berlin nur Siegertypen: Roland Koch, ChristianWulff, natürlich sich selbst und auch Edmund Stoiber. Kleiner, feiner Unterschied: Während Roland Koch vor allem den Wählern in Hessen dankte, zollte Christian Wulff immer und immer wieder auch Angela Merkel und Laurenz Meyer seinen besten Dank. Merke: Auch die CDU hat ihre Parteisoldaten. Seit gestern einen gewichtigen mehr.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%