Gericht erleichtert geschädigten Anlegern Beweisführung
Comroad muss Aktionäre entschädigen

Die Aktionäre des einstigen Mitglieds am Neuen Markt, Comroad, können für ihre Kursverluste Schadensersatz verlangen. Zu diesem Schluss kommt das Landgericht Frankfurt am Main in einem gestern veröffentlichten Urteil (Az.: 3-7 O 47/02). Die ständige Veröffentlichung falscher Unternehmenszahlen durch den Telematik- Hersteller aus Unterschleißheim sei eine "sittenwidrige Schädigung" der Aktionäre gewesen, hieß es in der Begründung. Dem Kläger sprach das Gericht Schadensersatz in Höhe von 7 500 Euro zu. Comroad hatte im Zwischenbericht 1999 einen Umsatz angegeben, der zu 98 % nicht existierte.

ms DÜSSELDORF. Der Gründer und Großaktionäre von Comroad, Bodo Schnabel, war im November wegen Betrugs und anderer Delikte vom Landgericht München zu sieben Jahren Haft verurteilt worden. Seine Frau Ingrid erhielt wegen Beihilfe eine Bewährungsstrafe von zwei Jahren.

Nach Meinung des Hamburger Aktienrechts-Professors Hanno Merkt rollt auf Comroad jetzt eine "riesengroße Flut von Prozessen zu". Alle Comroad-Aktionäre, die damals Aktien erworben hatten, "können im Prinzip jetzt losziehen und klagen." Grund: Das Landgericht hat jetzt erstmals eine Schranke durchbrochen, an der bislang fast alle Aktionärsklagen im Zusammenhang mit falschen Unternehmenszahlen gescheitert waren. Nach Meinung des Gerichts muss der Aktionär nämlich nicht detailliert nachweisen, dass er die Aktien gerade wegen der falschen Zahlen gekauft habe. Die Veröffentlichung geschönter Unternehmenszahlen erzeuge an der Börse eine "positive Kaufstimmung", und das genüge für die Vermutung, die Aktien seien auf Grund der falschen Zahlen gekauft worden. Comroad habe dies nicht durch Gegenargumente widerlegen können. Nach Angaben eines Gerichtssprechers ist das Urteil allerdings noch nicht rechtskräftig, da die Berufungsfrist noch läuft. Bei Comroad war in diesem Zusammenhang niemand zu einer Stellungsnahme bereit.

Auch sonst wäre Merkt allerdings "vorsichtig" mit der Schlussfolgerung, dass mit dem Urteil generell der Damm für Aktionärsklagen gebrochen ist. Bisher waren alle Klagen auf Schadensersatz wegen Falschinformationen gescheitert, mit einer Ausnahme im Fall Infomatec. Ähnlich sieht dies Theodor Baums, Aktienrechtsexperte von der Universität Frankfurt. "In Fällen, die nicht so krass liegen wie dieser, werden sich die Richter nach wie vor scheuen, diesen Weg zu gehen." Denn die Beweisproblematik sei nur "eine Schwelle von vielen". Die Richter hätten insbesondere große Schwierigkeiten zu berechnen, wie hoch der konkrete Schaden ist, der auf Falschinformation beruht. Daran ändere auch die Rechtsprechung des Landgerichts Frankfurt nichts.

Dennoch gehe das Urteil genau in die richtige Richtung, meint Baums. "Die Finanzökonomie sagt klar, dass jede Information an den Markt sofort im Preis verarbeitet wird." Schon deswegen sei es richtig zu vermuten, dass die Falschinformation für den Aktienkauf kausal war. Nach Meinung Herkts "gleicht sich durch diese Rechtsprechung das deutsche Kapitalmarktrecht an das internationale Niveau an. Da waren wir bisher weit zurück." Comroad: tarnen, täuschen und tricksen.

Das Unternehmen: Ende November 1999 gab der Anbieter von Telematiksystemen (Navigationssysteme etc.) sein Debüt am Neuen Markt. Ausgabepreis: 20,50 Euro; Emissionsbank: Concord Effekten.

Der Skandal: Die Wachstumsprognosen waren überzogen, also trickste das Management. Eine Journalistin und schließlich die Wirtschaftsprüfer fanden heraus: Nur 1,4 % der Umsätze in der Bilanz 2001 ließen sich belegen - der Rest war heiße Luft. tlu

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