Gerichtsurteil aus den USA über 145 Milliarden Dollar löst Ansturm auf Tabakinvestments aus
Ein Teil der Angst löst sich in Rauch auf

Hundertfünfundvierzig Milliarden Dollar sind eine Menge Geld. 145 Mrd. $ sind zum Beispiel das Dreizehnfache des Jahresgewinns von Tabak-Branchenführer Altria (Marlboro). Deshalb reagierten die Finanzmärkte Mitte vergangener Woche entsprechend euphorisch, als ein US-Gericht in Florida entschied, dass eine Verurteilung der US-Tabakkonzerne aus dem Jahr 2000 zur Zahlung eben dieser 145 Mrd. $ nicht rechtmäßig war.

FRANKFURT/M. Die Anleger stürmten in Tabakinvestments. Der Aktienkurs von Altria stieg binnen Tagen um über 20 %. Die Renditen der Anleihen des Konzerns sanken drastisch. Noch am Dienstag vergangener Woche hatte die 2008 fällige Altria-Anleihe in Euro mit 6,46 % rentiert, gestern nur noch mit 5,43 %. Auch Anleihen von British American Tobacco (BAT), die durch starke US-Präsenz ebenfalls von Klagerisiken betroffen sind, verteuerten sich für Anleihenverhältnisse sprunghaft.

Mit einer Summe, die "in keinem vernünftigen Verhältnis zum entstandenen Schaden" stehe, begründeten die Richter ihr Urteil - auch wenn US-Jurys sich sonst wenig um Verhältnismäßigkeit scheren. Es sei nur an den "McDonald?s-Fall" erinnert, bei dem sich die Käuferin eines heißen Kaffees beim Öffnen des Gefäßes verbrüht hatte und ein Gericht auf 200 000 $ Schadensersatz für die Spitalbehandlung und 2,7 Mill. $ Strafzahlung erkannte.

Branchenbeobachter zeigten ungewohnte Emotionen auf das Urteil aus Florida. Bob Buhr von Citigroup sieht eine "extrem gute Nachricht". Ein anderer Marktteilnehmer wähnt Tabakanleihen am Anfang eines Höhenflugs. Die Analysten der Landesbank Baden-Württemberg stuften den Tabaksektor flugs von "neutral" auf "attractive" herauf. Doch für "Entwarnung für die US-Tabakkonzerne", wie die DZ Bank nach dem Urteil aus Florida jubelte, ist es zu früh. So rief die DZ Bank in einer zweiten Stellungnahme nur noch "Entspannung" aus - auch sie erinnerte sich wohl an anderes Ungemach, das noch über der Tabakbranche schwebt.

Als da wären: Klagen wegen "Light-"Zigaretten. Im "Miles-Fall" steht die Berufungsentscheidung aus. Die erste Instanz hatte Philip Morris zu 10,1 Mrd. $ verurteilt. Der Vorwurf: Verbraucherbetrug. Der Tabakriese habe Raucher zu dem Glauben verleitet, Light-Zigaretten seien weniger schädlich als normale Zigaretten. Das US-Justizministerium fordert in einem anderen Verfahren von der Tabakindustrie wegen "betrügerischer Marketingmethoden" satte 289 Mrd. $. Daneben stehen Gerichtsentscheidungen auf Klagen von Tabakpflanzern aus, die den Konzernen Preisabsprachen vorwerfen. Auch Asbest-Geschädigte haben die Tabakkonzerne vor den Kadi gezerrt. Ihr Vorwurf: Rauchen kann den Ausbruch asbestbedingter Krankheiten fördern. Schließlich drohen aus juristischer Sicht zahlreiche Einzelklagen. Und bereits seit 1998 zahlt die US-Tabakindustrie über 25 Jahre jedes Jahr rund 9 Mrd. $ an 46 Bundesstaaten als Ausgleich für höhere Gesundheitskosten durch kranke Raucher.

Die in der vergangenen Woche verabschiedete Anti-Tabak-Konvention der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird steigende Tabaksteuern und umfassende Werbeverbote nach sich ziehen. Auch rein wirtschaftlich wird die Luft dünner für die Tabakkonzerne. Discountmarken graben ihnen die Marktanteile ab. Die Zurückweisung des nach einem der Kläger, Howard Engle, benannten 145-Mrd- $-"Engle-Falls" war zwar wegen der hohen Summe ein wichtiger Schritt, aber eben nur ein erster auf dem langen Weg der Tabakbranche durch das Tal der Risiken. Eine ganze Latte an Risiken ist noch vorhanden.

Nicht umsonst stufen die Ratingagenturen Moody?s und Standard & Poor?s die Bonität von Altria mit Baa2 und BBB+ sowie BAT mit Baa1 und A- weiterhin unverändert vorsichtig ein. Denn zu Witwen- und Waisenpapieren wie noch vor 20 Jahren sind Tabakanleihen durch die "Engle-"Entscheidung eben doch nicht wieder geworden.

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