Geringere Investitionen und Verkauf von Unternehmensteilen: Hoher Ölpreis bedroht Gewinne in der Chemie

Geringere Investitionen und Verkauf von Unternehmensteilen
Hoher Ölpreis bedroht Gewinne in der Chemie

Die Irakkrise hat die weltweite Chemieindustrie fest im Griff: Der Preis für Öl steigt immens, während die Nachfrage aus der Industrie schwach bleibt. Das verheißt wenig Gutes für die Gewinne der Unternehmen.

DÜSSELDORF. Die Furcht vor einem Irakkrieg treibt den Ölpreis auf Rekordhöhe und macht damit auch der Chemieindustrie zunehmend zu schaffen. Analysten erwarten in den nächsten Monaten starken Druck auf die Gewinnspannen in der Branche. Grund: Während der Ölpreis steigt, bleiben die Verkaufspreise für Chemikalien wegen der schlechten Konjunkturlage auf schwachem Niveau. "In der Chemie kommen derzeit so viele negative Faktoren zusammen, wie lange nicht mehr", kommentiert die Investmentbank Merrill Lynch.

Rohöl ist für die Chemie der wichtigste Rohstoff. Aus ihm werden Grundprodukte für Kunststoffe oder Textilfasern hergestellt. Die Irakkrise hat den Preis für Öl Ende voriger Woche auf Rekordhöhe getrieben: Am Freitag kostete ein Barrel (159 Liter) an der New Yorker Börse rund 37 $, das sind 40 % mehr als noch vor drei Monaten.

Normalerweise kann die Chemieindustrie mit Ölpreisanstiegen fertig werden, wenn sie diese über höhere Verkaufspreise an ihre Kunden weitergeben kann. Doch das gelingt derzeit nicht ausreichend: "Wir haben unsere Produkte etwas verteuert, aber das muss weitergehen", sagt Bill Stavropoulos, der neue Vorstandschef des größten US-Chemiekonzerns Dow Chemical. "Es ist noch Raum für Verbesserungen, und wir sprechen darüber mit unseren Kunden."

Auch wenn Dow und andere Firmen solche Pläne durchsetzen können, wird dies nach Einschätzung von Analysten wenig Linderung bringen. Ludger Mues von der Bank Sal. Oppenheim geht davon aus, das sich die Wirkung des momentanen Ölpreises im ersten und vor allem im zweiten Quartal 2003 in den Gewinnen widerspiegeln wird.

Dies umso mehr, als dass eine Erholung in Form kräftig steigender Nachfrage nach Chemikalien und Kunststoffen nicht abzusehen ist. "Es scheint unwahrscheinlich, dass sich die wirtschaftliche Lage unserer Branche in den nächsten Monaten ändern wird", sagt Peter Elverding, Chef des niederländischen Chemiekonzerns DSM. Die Chemie trete auf der Stelle, denn die Entwicklung stelle sich genauso dar, wie vor einem Jahr.

Dies sieht Analyst Michael Vara von der Commerzbank ähnlich so. Er stuft die geopolitischen Spannungen als Hauptproblem für die Branche ein, denn sie verursache das teure Ölpreis und auch die zurückhaltende Nachfrage. Wie sich in bisher vorliegenden Ergebnissen der Chemiefirmen für das vierte Quartal 2002 zeigt, sind die verkauften Mengen und damit die Umsätze zwar leicht gestiegen. Allerdings war der Vergleichszeitraum, das vierte Quartal 2001, äußerst schwach. Zudem haben viele Firmen offenbar ihre Läger wieder stärker aufgefüllt - allerdings nicht, weil sie eine kräftige Erholung der Märkte sehen, sondern um den drohenden Preisanstiegen für Chemikalien zuvorzukommen. "Die Nervosität bei den Kunden ist groß", bestätigt Tom Scott, Finanzchef beim britischen Spezialchemieriesen ICI. Keine guten Vorzeichen also für die deutschen Chemieriesen BASF, Bayer und Degussa, die in den nächsten Wochen ihre Ergebnisse für 2002 vorlegen. In der unsicheren Konjunkturlage konzentrieren sie sich wie die Konkurrenten auf interne Verbesserungen. Kostensenkungen werden nach Ansicht von Analyst Vara auch in diesem Jahr "einen Beitrag zur Sicherung der Gewinne leisten".

Allerdings seien die Sparprogramme vor allem bei Spezialchemiefirmen bereits weitgehend ausgereizt. Um den Cash-flow dennoch anzutreiben und die Verschuldung zu senken, greifen Chemiefirmen verstärkt zum Verkauf von Unternehmensteilen und bremsen Investitionen.

Vorige Woche kündigte die Schweizer Clariant den Verkauf mehrerer Randbereiche an, und auch Bayer will sich von Teilen seiner Chemietochter trennen. Der französische Konkurrent Rhodia drückt sein Investitionsbudget auf 300 Mill. Euro und damit auf ein Niveau von 61 % der Abschreibungen. Degussa will bis Ende des ersten Quartals abwarten und gibt zunächst nur 90 % des Budgets frei.

Die Einschränkung der Investitionen wird von Beobachtern und in der Branche selbst keineswegs negativ betrachtet, wie Analyst Mues anmerkt. Denn die Überkapazitäten sind nach dem kräftigen Ausbau der vorigen Jahre noch immer groß. Der Aufbau weiterer Kapazitäten würde der Branche mit Blick auf den nächsten Aufschwung nicht gut tun. Den allerdings - und das ist die übereinstimmende Meinung der Chemiebosse - wird es frühestens im zweiten Halbjahr geben.

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