Geringes Konsumentenvertrauen – Erholung verzögert sich
Autobauer warten auf Marktbelebung

Für die europäische Fahrzeugindustrie wird das zweite Halbjahr schwieriger als zu Jahresbeginn erwartet. Der Grund: Die Konjunktur erholt sich nur zögernd. So legt der Absatz von Pkw und Lkw während der nächsten sechs Monate nur langsam zu. Auch 2003 wird mit großer Sicherheit alles andere als einfach.

Die europäischen Pkw- und Nutzfahrzeughersteller schalten einen Gang zurück. Weil die konjunkturelle Erholung nicht so schnell wie erwartet einsetzt, müssen sie die Absatzpläne für den Rest des Jahres zurechtstutzen. Vor allem auf dem deutschen Markt ist von einer Wiederbelebung der Autonachfrage derzeit wenig zu spüren.

Erst vor wenigen Monaten hatte das britisch-amerikanische Marktforschungsunternehmen DRI-Wefa noch vorhergesagt, der deutsche Pkw-Absatz werde in diesem Jahr um 1 % bis 2 % zulegen. "Jetzt sieht es eher danach aus, dass der Markt um 4 % fällt", sagt DRI-Autoanalyst Philipp Rosengarten. Von einer Stärkung des Konsumentenvertrauens sei wenig zu spüren. So werde der Kauf eines Neuwagens oft aufgeschoben.

Was für den deutschen Markt zutrifft, gilt auch für die meisten anderen europäischen Absatzmärkte. Ganz schlecht sieht es in Italien aus. Dort ist der Automarkt in diesem Jahr bislang um etwa 13 % eingebrochen. Auch Spanien bereitet mit einem Minus von mehr als 6 % wenig Freude. Einzig Großbritannien meldet ein größeres Plus. Doch Prognosen zufolge wird der automobile Schwung auf der Insel in der zweiten Jahreshälfte nachlassen und die Schwäche der anderen europäischen Märkte nicht mehr ausgleichen können. Am Jahresende wird für ganz Europa wohl ein Produktions- und Absatzminus zwischen 4 % und 5 % in den Büchern stehen.

"Der eine oder andere hat den erwarteten Zuwachs nicht erreicht", kommentiert Erik Burgold, Automobilanalyst bei der Frankfurter BHF-Bank, die Situation bei den Herstellern. Insbesondere Großserien-Hersteller wie Opel, Fiat und Volkswagen hat die verlängerte Krise in der Autobranche erwischt, Zuwächse melden lediglich exklusivere Anbieter wie BMW, Mercedes und Porsche. Die Zweispaltung des Automarktes hat sich verschärft. Nur mit Premiumautos lässt sich in Europa noch echtes Geld verdienen.

Auch unter den Zulieferern fordert die Marktschwäche ihren Tribut. Weniger starke Unternehmen wie die Sachsenring AG aus Ostdeutschland haben Zahlungsunfähigkeit anmelden müssen. Andere Zulieferer schalten zurück: Bosch rechnet nicht mit einer nachhaltigen Belebung in diesem Jahr. Bei Kolbenschmidt Pierburg ist der Ertrag im ersten Quartal um gut ein Drittel geschrumpft.

Besonders schlecht haben sich die Geschäfte bei Lkw und anderen Nutzfahrzeugen entwickelt. Nach Angaben des europäischen Herstellerverbandes Acea ist die Zahl der Lkw-Neuzulassungen in Westeuropa während des ersten Quartals 2002 um 15 % geschrumpft. Die Prognosen sind wenig erfreulich, wahrscheinlich wird es in 2002 ein Minus von etwa 14 % geben. DRI-Lkw-Experte Richard Walles hat soeben seine Absatzvorhersage umgeschrieben. Zum Jahresbeginn hatte er noch einen Rückgang zwischen 11 % und 12 % erwartet.

Unstreitig ist, dass im nächsten Jahr mit einer Besserung zu rechnen ist. Doch die Aussichten auf eine durchgreifende Belebung schwinden. Da hilft es auch nicht, dass der deutsche Lkw-Markt 2003 deutlich zulegen wird - dafür stagniert der Absatz in anderen Ländern. Dasselbe Muster wiederholt sich wohl bei Pkw: Deutschland kommt 2003 aus dem Tal heraus, doch die anderen Märkte hinken hinterher.

Richtig gut werden die Geschäfte wohl erst im übernächsten Jahr wieder laufen. Dann wird eine große Zahl neuer Modelle (u.a.: VW Golf, Opel Astra) dafür sorgen, dass die Absatzzahlen überall wieder kräftig nach oben gehen. "Im Jahr 2003 werden wir nur den Beginn der Erholung sehen", bestätigt Charles Young, Geschäftsführer beim britischen Marktforscher LMC.

Allerdings sieht er zudem einen Trend, mit dem die Autohersteller ihren Absatz wieder steigern wollen: Sie verkürzen die Lebensdauer einzelner Modelle und bringen immer schneller neue Varianten auf den Markt. "Das Durchschnittsalter eines Autos sinkt", beobachtet Young. Grundsätzlich ließen sich Autofahrer leichter zum Kauf überreden, wenn ein neues Modell beim Händler stehe. Doch eine Garantie gibt es auch dafür nicht.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie
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