Gersthofen in Angst
Mord an Vanessa gibt Rätsel auf

Pfarrer Manfred Trettenbach ist es die schwerste Pflicht seines Lebens: Am (morgigen) Montag wird er Vanessa G. beerdigen, jenes Mädchen, das vor einer Woche noch beim Kinderfasching die Büttenrede hielt und später - in der Nacht zum Dienstag - von den heimkehrenden Eltern blutüberströmt im Kinderzimmer gefunden wurde.

wiwo ap GERSTHOFEN. Eigentlich hätte der 70-jährige Pfarrer der katholischen Gersthofener "Maria Königin des Friedens"-Gemeinde das Kind in ein paar Monaten firmen sollen. Jetzt sitzt er in seinem Pfarramt und grübelt, wie er den Eltern Trost spenden und dem zehnjährigem Bruder wieder Hoffnung geben kann.

Vor Trettenbach liegt das Taufbuch. Der erste Eintrag ist von 1990. Es ist der von Vanessa Elvira G., geb. am 5.12.89. Noch immer suchen die Ermittler im Haus der Familie nach Spuren, die der Täter hinterlassen haben könnte. Kam er über den Balkon? Oder ließ ihn Vanessa selbst ins Haus? Wichtige Hinweise erhofft sich die 30-köpfige Sonderkommission "Vanessa" von einem knapp 31 Zentimeter langen Küchenmesser, das am Mittwoch blutverschmiert auf einem Nachbargrundstück gefunden wurde. Ob es Fingerabdrücke des Mörders trägt, dazu schweigt sich Kripo-Chef Klaus Bayerl aus.

Angst hat sich breit gemacht in dem Wohnviertel nahe des Stadtzentrums, dessen Straßen die Namen von Jahreszeiten tragen. Es ist alles trauriger geworden seitdem, "ganz still", sagt ein immer noch schockierter Nachbar, der mit Familie G. zuletzt ausgelassen Silvester feierte. Jetzt wachsen nur noch jenem Plastikpferdchen Flügel, das am Fenster von Vanessas Kinderzimmer im ersten Stock klebt.

Vor der schweren Haustür flackern 13 Kerzen, darunter viele Grablichter. Rosa Rosen liegen auf letzten Grüßen ihrer Spielgefährten. "Wir vergessen dich nie", steht darauf und "Wir vermissen dich sehr". In einer Traueranzeige haben Mitschüler überdies versucht, ihre Gefühle zu verarbeiten. "Gott wollte dich "Das Licht, das du uns gegeben hast, ist erloschen", so schreibt ein Mitschüler, "aber in unserem Herzen wirst du immer weiterleben."Nur langsam läuft an der etwa 15 Kilometer von Gersthofen entfernten Dr.-Max-Josef-Metzger-Realschule in Meitingen wieder der Schulalltag an. Seit einem halben Jahr besuchte Vanessa hier die sechste Klasse. "Jetzt herrscht auf den Fluren eine tödliche Stille", beschreibt Direktor Alfons Wiedenmann die Situation.

Mit gesenkten Augen erinnert sich der 13-jährige Roman aus Vanessas Parallelklasse an die Mitschülerin: "Sie hat schön ausgeschaut, war nett und konnte gut Fasching feiern." Die 15 Jahre alte Manuela aus der neunten Klasse sagt, was alle denken: "Es ist schon ein seltsames Gefühl, wenn man weiß, dass es in der Nachbarschaft passiert ist und der Täter noch immer frei herumläuft!" Angst? "Sicher", sagen Michael und Franz, beide zwölf Jahre alt.

Warum? Das ist die beherrschende Frage am Paul-Klee-Gymnasium, das Vanessa bis zum Sommer vergangenen Jahres besuchte. "Sie war doch ein Sonnenschein", erinnert sich ein ehemaliger Lehrer. Sie habe seinen Unterricht gerne besucht, ihre Hausaufgaben mit Zeichnungen geschmückt und sei bei ihren Mitschülern außerordentlich beliebt gewesen. Auch Pfarrer Trettenbach weiß keine Antwort. "Aber vielleicht", sagt er, "vielleicht liegt darin das einzig Gute an dem Fall, dass die Leute nun etwas nachdenklicher werden und ihre eigenen Kleinigkeiten nicht mehr so wichtig nehmen!"

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%