Gerücht über Sommer-Rücktritt dementiert
Die T-Aktie auf dramatischer Talfahrt

Die Aktien der Deutschen Telekom sind am Mittwoch Händlern zufolge wegen Marktgerüchten über einen angeblich bevorstehenden Rücktritt von Konzernchef Ron Sommer und eine deutliche Herabsetzung des Kursziels um 5,9 % auf den tiefsten Stand seit mehr als zwei Jahren gefallen.

dpa-afx BONN. Das schlechte Marktumfeld in der Telekommunikation und der verpatzte Börsengang des Mobilfunkbetreibers Orange haben die T-Aktie am Mittwoch abstürzen lassen. Bis zum Nachmittag notierte das Papier der Deutschen Telekom AG bei rund 28,70 Euro. Das waren 10 % weniger als zum Börsenschluss des Vortages und zugleich der tiefste Wert seit mehr als zwei Jahren. Damit hat die T-Aktie seit ihrem Höchststand im März vergangenen Jahres mehr als 70 % ihres Wertes verloren. Zum Börsenschluss lag das Minus bei 5,9 % und der Kurs der Telekom-Aktie bei 28,74 Euro.

In der "Bild"-Zeitung setzt sich Telekom-Chef Ron Sommer angesichts des neuen Börsentiefs der wachsenden Kritik an seiner Unternehmenspolitik zur Wehr: "Wir sind sowohl strategisch wie auch von der Finanzierungsseite deutlich besser aufgestellt als die meisten anderen Unternehmen", sagte er dem Blatt (Donnerstagausgabe). Dies würden die Kapitalmärkte mittelfristig honorieren. Ein Konzern- Sprecher ergänzte, dass sich die Branche derzeit in einem Konsolidierungsprozess befinde. Davon werde die Telekom profitieren.

Befürchtungen um Börsengang-Verschiebungen

Starke Kurseinbußen verzeichneten auch andere Telekom-Werte wie France Télécom, British Telecom oder die niederländische KPN. In den Verlusten macht sich nach Einschätzung von Experten besonders das verpatzte Börsendebüt des Mobilfunkbetreibers Orange bemerkbar. Jetzt werden Befürchtungen laut, dass möglicherweise auch die Telekom, BT und KPN die geplanten Börsengänge ihrer Mobilfunktöchter in diesem Jahr verschieben könnten.

"Wir haben keine Not, die Mobilfunkaktivitäten an die Börse bringen zu müssen", sagte ein Telekom-Sprecher. Außerdem gebe es hierzu weder vom Vorstand noch vom Aufsichtsrat einen Beschluss. Der Telekom-Vorstand hatte im vergangenen Jahr den Börsengang von T Mobile International - AG auf einen Zeitpunkt nach Abschluss der Übernahme des US-Unternehmens VoiceStream verschoben. Das soll voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte geschehen. Analyst: T-Aktie unterbewertet

Der gegenwärtige niedrige Kurs der T-Aktie sei eine "riesengroße Übertreibung nach unten", meint Telekom-Analyst Marcus Schmitz von Hauck & Aufhäuser Privatbankiers. Nach seinen Worten mache sich neben dem Orange-Börsengang auch der negative Ausblick der Rating-Agentur Moodys in dem Kurs bemerkbar. Auch falle kein gutes Licht auf den Vorstandsvorsitzenden. Aber so schlecht habe sich Sommer gar nicht angestellt, meinte Schmitz.

Dennoch gilt unter Analysten die Börsenstimmung als extrem schlecht. Dabei werden immer wieder die gleichen Argumente ins Feld geführt: teuer erkaufte UMTS-Lizenzen, die enorme Verschuldung der Telekom und der hohe Preis für den US-Zukauf Voicestream. Doch billiger sei der US-Mobilfunker wahrscheinlich gar nicht zu haben gewesen, sagen die meisten Analysten.

Voicestream-Übernahme gefährdet?

Bei dem derzeitigen Kursniveau könnte die Telekom trotzdem bald ein Problem bekommen, nämlich mit der VoiceStream-Übernahme. Die Abmachung sieht vor, dass deren Aktionäre aus dem Kauf aussteigen oder nachverhandeln können, wenn nach Abschluss der Transaktion an sieben zufällig ausgewählten Börsentagen der Kurs im Durchschnitt unter 33 Euro liegt. Der kritische Zeitpunkt wird voraussichtlich Juni sein. Das würde der T-Aktie nicht gut tun, ist sich Schmitz von Aufhäuser sicher: "Wenn es zu Nachverhandlungen kommt, wird der Markt massiv nachprügeln".

Händlern zufolge deckten sich Investoren mit Titel des Übernahmekandidaten Voicestream ein, da sie auf eine mögliche Verbesserung der Übernahmeofferte hofften. Ein Händler äußerte aber auch hier Skepsis: "Ich glaube nicht, dass nachverhandelt wird, da der Kaufpreis für VoiceStream sowie zu hoch ist." Auch Analysten hatte zuletzt den vereinbarten Kaufpreis in Form von 30 $ in bar und rund 3,2 Telekom-Aktien als sehr gut bezeichnet. Mit der Kapitalmehrheit des US-Mobilfunkunternehmens hat die Telekom jedoch vereinbart, dass Nachverhandlungen über den Kaufpreis stattfinden können, sofern der Telekom-Aktienkurs bei Abschluss der Transaktion unter 33 Euro liegt.

Die Titel der France Telecom-Tochter Orange fielen in Paris um mehr als fünf Prozent auf 8,90 Euro. Die Orange-Aktien hatten am Dienstag ihr Börsendebut gegeben und waren an Privatinvestoren mit 9,50 Euro am unteren Ende der bereits deutlich gesenkten Preisspanne zugeteilt worden. "Das ist nicht gut für die Börsenpläne der Telekom für ihre Mobilfunkeinheit T-Mobile", sagte ein Händler. British Telecom büßten am Mittwoch knapp fünf Prozent auf 581 Pence ein, Vodafone gaben knapp drei Prozent auf 210,5 Pence und France Telecom verloren 6,7 % auf 73,40 Euro.

Die Aktien der Deutschen Telekom hatten im März 2000 ihr Allzeithoch von 104,90 Euro erreicht. Billiger als am Mittwoch waren die Stücke zuletzt Ende Dezember 1998, als die Titel knapp über 28 Euro gekostet hatten.

Zu den im Markt kursierenden Rücktrittsgerüchten um Ron Sommer sagte Telekom-Analyst von M.M. Warburg Christoph Vogt: "Ich glaube, da ist nichts dran. Wie ich Sommer persönlich kenne, kann ich mir nicht vorstellen, dass er aufgrund der Kursentwicklung das Handtuch wirft. Im Gegenteil dürfte er jetzt alles daran setzen, die Sache wieder nach oben zu bringen. Shareholder-Value ist für ihn ganz wichtig. Einen Rücktritt kann ich mir nicht vorstellen."

Stewart Birdt, Telekom-Analyst bei der Deutschen Bank, erklärte, er habe gegen 10.00 Uhr mit der Deutschen Telekom telefoniert. Dort habe man das Gerücht nicht bestätigen können. "Wenn die Aktien runtergehen, dann tauchen immer wieder Rücktrittsgerüchte auf", erklärte Birdt die Spekulationen.

Dresdner-Bank-Analyst Chris-Oliver Schickentanz sagte, der Börsenstart von Orange zeige, dass die Märkte den Zukunftschancen des Mobilfunkgeschäftes mittlerweile skeptischer gegenüber stünden. Bisher habe aber gerade das Mobilfunkgeschäft der Telekom die Fantasie der Anleger geweckt.

Generell hält der Experte die Telekom-Aktie für unterbewertet. Vor einem Jahr habe eine regelrechte Euphorie für europäische Telekommunikationswerte geherrscht. Jetzt übertreibe der Markt in die Gegenrichtung. Es herrsche "Riesenpessimismus". Es sei daher nicht auszuschließen, dass die Kurse der europäischen Telekommunikationswerte noch weiter sacken könnten. Schickentanz sagte weiter, er sehe keinen Grund, warum Sommer zurücktreten sollte. Ähnlich argumentierte Marcus Schmitz von Hauck & Aufhäuser. Nach 70 % Kursverlust sei Sommer zwar angeschlagen. Er glaube aber, dass der Telekom-Chef die Unterstützung des Bundes als Großaktionär habe.



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