Gerüchte schicken Amazon-Aktie trotz scharfer Dementis auf Talfahrt
Online-Buchhändler stehen unter Druck

Es war nur ein wildes Gerücht. Doch obwohl Amazon.com umgehend scharf dementierte, dass man einen Antrag auf Gläubigerschutz gestellt habe, genügte es, um die Aktie auf Talfahrt zu schicken. Die Nerven liegen blank an der Wall Street seit dem Ende des Spielzeughändlers Etoys.com vor wenigen Tagen.

pos/vwd DÜSSELDORF/NEW YORK. Die Web-Buchhändler gehörten zu den frühen Stars der New Economy. Vorneweg: Online-Pionier Jeff Bezos mit Amazon.com. Doch der Traum vom schnellen Cyber-Dollar ist verflogen. Heute stellt sich ihnen die Frage, ob es gelingen wird, schwarze Zahlen zu schreiben, bevor das Geld knapp wird. Ein großes Problem angesichts einer lahmenden US-Konjunktur mit sinkender Konsumbereitschaft.

Die Lage ist ernst. Am Mittwochabend diskutierten in New York Analysten über Höhe und Nachhaltigkeit der Liquidität von Amazon. Anlass war ein - massiv dementiertes - Gerücht, Amazon wolle sich unter den Gläubigerschutz des "Chapter 11" stellen. Unter Chapter 11 können sich Unternehmen restrukturieren, ohne dass Gläubiger Geld abziehen können. Das Gerücht reichte, um die Aktie am Mittwoch in New York um 13,3 % auf 10,19 $ absacken zu lassen.

Analyst sieht die liquiden Mittel von Amazon erschöpft

Lehman-Brothers-Analyst Ravi Suria sieht die liquiden Mittel von Amazon auf den zweiten Blick erschöpft und prognostizierte für die zweite Jahreshälfte tatsächlich ein "Ausquetschen" des Unternehmens durch seine Gläubiger. Merrill-Lynch-Analyst Henry Blodget meint hingegen, die Situation sei nicht so schlecht wie von Suria beschrieben. Volker Kuhnwaldt, Manager des Nordinternet-Fonds, merkt an, dass bei Amazon noch 1,36 Mrd. $ an Assets kurzfristigen Verbindlichkeiten von 975 Mill. $ gegenüber stünden.

Scott Reamer, Analyst bei SG Cowen, bezweifelt in einer internen Mitteilung sogar, dass Amazon im vierten Quartal wie angekündigt die Gewinnschwelle überschreiten werde. Begründung: Das Kerngeschäft, der Handel mit Büchern, Musik und Videos, habe sich abgeschwächt. Sollte die Profitabilität länger als geplant auf sich warten lassen, werde es zu einem Vertrauensverlust bei Lieferanten und Kapitalgebern kommen. Erst im Januar hatte Amazon (Umsatz 2000: 2,76 Mrd. $, +68 %, Verlust 1,19 $/Aktie) einschneidende Sparmaßnahmen verkündet, unter anderem Entlassungen und Schließungen von Vertriebszentren. Die Bewertung von Amazon sollte sich laut Reamer nach dem einfachen erwarteten Jahresumsatz richten, wie beim stationären Handel auch. Dies ergebe einen Kurs von 9 $.

Amazon ist kein Einzelfall

Doch Amazon ist kein ein Einzelfall: Am Neuen Markt in Frankfurt/M. verloren Mediantis (früher buecher.de) am Donnerstag fast 25 % ihres Wertes, nachdem ein verdoppelter Verlust und ein zähes Umsatzwachstum gemeldet worden waren. Auch Barnesandnoble.com, Tochter des größten Buchhändlers der USA, Barnes & Noble Inc., kämpft mit roten Zahlen. Die Aktie, im Sommer 1999 noch bei 25 $, dümpelt derzeit um 1,5 $. Zwar konnte der Umsatz in 2000 auf 320 Mill. $ (+65 %) gesteigert werden, aber der Verlust erreichte 1,07 $ pro Aktie, und auch für 2001 wird mit einem Verlust zwischen 0,75 und 0,85 $ pro Aktie gerechnet. Entlassungen und Restrukturierungen sind auch hier die Folge.

Doch im Gegensatz zu Amazon oder Mediantis hat B&N.com den Vorteil, dass mit Barnes & Noble sowie der Bertelsmann AG Großaktionäre im Hintergrund stehen. Damit wird die Geldbeschaffung in Krisenzeiten einfacher als über die Börse. Das könnte der entscheidende Vorteil im Überlebenskampf sein. Denn in einem sind sich Marktbeobachter einig: Es wird letztlich nur darauf ankommen, wer den längeren finanziellen Atem hat.

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