Gerüchte über Dividenden-Ausfall und Übernahme
J.P. Morgan Chase leidet unter Finanzskandalen

Mehrere Fehltritte haben das Ergebnis und den Aktienkurs der amerikanischen Megabank J.P. Morgan Chase belastet. In der Vergangenheit hatte das Institut viele Kredite vergeben, deren Rückzahlung auf Grund von Firmenpleiten in den Sternen steht. Möglicherweise soll nun ein Strategiewechsel helfen.

NEW YORK. Der Enron-Skandal, die Insolvenz des Telekomunternehmens Global Crossing, eine Reihe von Pleiten bei Technologiefirmen: Egal welcher Finanzskandal in den vergangenen Monaten ans Tageslicht kam, J.P Morgan Chase, zweitgrößtes Finanzinstitut Amerikas, steckte oft mittendrin. Als etwa Global Crossing im Februar Gläubigerschutz beantragte, blieb J.P. Morgan auf Schuldtiteln des Unternehmens über 94 Mill. $ sitzen. Und im Fall Enron war J.P. Morgan Chase daran beteiligt, einige der geheimen Enron-Gesellschaften aufzubauen.

Die Fehltritte der Bank schlagen sich auch im Ergebnis nieder. Im Januar gab J.P. Morgan Chase für das vierte Quartal einen Nettoverlust von 332 Mill. $ bekannt, nach einem Gewinn von 708 Mill. $ im Vorjahresquartal.

Die schweren Schläge hat die Bank, die vor zwei Jahren aus der Fusion der beiden Institute Chase Manhattan und J.P. Morgan & Co. hervorgegangen ist, auch deshalb einstecken müssen, weil sie außerordentlich aktiv war. Ihre Konsortialabteilung vergebe mehr Kredite als jedes andere Institut, also sei es keine Überraschung, dass J.P. Morgan in einer Zeit des Abschwungs auch negative Schlagzeilen mache, sagen Führungskräfte des Instituts.

J.P. Morgan spielt mit hohem Einsatz: Die Bank will ihre Beziehungen bei der Kreditvergabe für Unternehmen dazu nutzen, um in die oberste Liga des Investmentbankings vorzudringen. Beispiel: Die Kredite an den Telekom-Sektor haben sich zwischen 1999 und 2001 mit 8,5 Mrd. $ mehr als verdoppelt. Man habe Geld in der Hoffnung verliehen, andere Transaktionen an Land zu ziehen, sagt Mark Davis, Managing Director für das Investmentbanking von J.P. Morgan. Allerdings werde jeder Kredit auf Herz und Nieren geprüft.

"Sie sind süchtig nach Investmentbanking-Gebühren, aber die Gebühren spiegeln nicht die Risiken wider", urteilt allerdings Bill Johnson, Gründer und Chef von Bayon Capital in San Francisco.

Die Börse strafte die J.P. Morgan-Aktie nach der Flut der schlechten Nachrichten ab: Nach einem Hoch von 64 $ vor zwei Jahren erreichten die Aktien der Bank im Februar einen Tiefstand von etwa 28 $. Mittlerweile haben sie sich zwar wieder etwas erholt. Aber viele Marktbeobachter bleiben skeptisch. "Sie genießen einfach nicht mehr dasselbe Vertrauen wie früher", sagt Michael Holland, ein New Yorker Fondsmanager, der sich kürzlich von seiner gesamten Beteiligung an J.P. Morgan getrennt hat, die zuvor ein Kernstück seines Fonds ausgemacht hatte. In der vergangenen Woche hat Analyst Judah Kraushaar von Merrill Lynch seine Gewinneinschätzung für 2002 auf 2,80 $ von zuvor 3,15 $ je Aktie zurückgenommen.

Die Verwicklung in Affären schürt die Gerüchteküche an der Wall Street: Bei J.P. Morgan könnten große Veränderungen ins Haus stehen, heißt es. Von einer Kürzung der Dividende bis zur Fusion mit einer anderen großen Wall Street-Firma scheint alles denkbar. Als mögliche Fusionspartner werden immer öfter Merrill Lynch oder Morgan Stanley genannt. Beide Unternehmen lehnten Stellungnahmen ab.

Bei J.P. Morgan sehen die Verantwortlichen keine Notwendigkeit, die Dividende zu kürzen oder zu fusionieren. Es habe zwar zu den höchsten Prioritäten gezählt, den "Tabellenplatz" des Instituts in der Investmentbanking-Liga zu verbessern, räumt William Harrison, Vorstand von J.P. Morgan, ein. Das sei aber nie zu Lasten kluger Entscheidungen bei der Kreditvergabe gegangen. Er sei, was das Potenzial der Bank betreffe, tatsächlich enthusiastischer als je zuvor.

Nun zeichnet sich ab, dass J.P. Morgan als Ergebnis der Turbulenzen die starke Konzentration auf das Investmentbanking überdenken könnte. Anfang 2002 hat die Bank einen ihrer bedeutendsten Käufe seit Jahren bekannt gegeben: die Übernahme von Forderungen an Privatkunden über 8,2 Mrd. $ von dem in Schwierigkeiten geratenen Kreditkartenaussteller Providian, San Francisco. Für Branchenbeobachter war das ein Signal, dass J.P. Morgan es mit der Ausweitung des Privatkundengeschäfts ernst meint, das zu Gunsten des Investmentbankings vernachlässigt worden war. Harrison scheint dem Kurswechsel nicht abgeneigt: "Ich mag die Vielfalt, die uns dieses Geschäft verleiht."

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