Gerüchte um Ablösung Millers und Nicht-Wiederwahl Bergmanns
Machtkampf um Gazprom

Dem russischen Gasgiganten Gazprom stehen aufregende Zeiten ins Haus: Mit der Ablösung des bisherigen Finanzvorstands Witalij Saweljew am Montag scheint ein Machtkampf um die Führung des weltgrößten Gaskonzerns ausgebrochen zu sein.

mbr/HB MOSKAU. An dessen Ende soll nach Moskauer Medienberichten die Ersetzung des erst seit knapp einem Jahr amtierenden Gazprom-Chefs Alexej Miller durch Alexander Woloschin stehen, der bisher die Kreml-Administration - die politische Leitzentrale Russlands - leitet. Gefährdet sein soll nach Informationen des Handelsblatts aus Aktionärskreisen des Unternehmens auch die Wiederwahl von Ruhrgas-Chef Burckhard Bergmann in den Gazprom-Aufsichtsrat auf der Hauptversammlung Ende Juni.

Schlappe für Putin

"Wir werden alles für seine Wahl tun. Aber es sieht schlecht aus", sagte der Stratege einer großen Moskauer Investmentbank unter der Bedingung der Anonymität. Bergmann - dessen Unternehmen 5% an Gazprom hält, was für die Wahl in das Aufsichtsgremium zahlenmäßig an Stimmen nicht reicht - hatte auf der vorletzten Aufsichtsratssitzung das Problem sinkender Gasreserven des Konzerns angesprochen. Das habe nicht allen Mitgliedern des Kontrollgremiums gefallen. Vielmehr möchten einige der Aufseher das von Miller begonnene Aufräumen im wichtigsten Konzern des Landes beenden. Das wäre eine schwere Schlappe für Präsident Wladimir Putin, der Miller erst vor einem Jahr eingesetzt hatte und mit dem Credo des Beendens der Ausplünderung des Riesenreichs und seiner Konzerne angetreten war.

Der langjährige Gazprom-Chef Rem Wjachirew, derzeit noch Aufsichtsratschef bei dem Unternehmen, hat zudem kürzlich bekannt gegeben, nicht wiedergewählt werden zu wollen. Sein Sohn war als Chef von Gasexport abgedankt, das die Westausfuhren des Erdgases monopolisiert. Unter Wjachirew war Firmenvermögen in Milliardenhöhe zu Spottpreisen an Firmen abgegeben worden, an denen vermutlich Familien von Gazprom-Top-Managern beteiligt sind.

Frontalangriff der alten Garde

Der Wjachirew-Abgang war von der "alten Garde der Gasowiki" als Auslöser zum Frontalangriff auf das neue Miller-Team. Unterstützt werden sie dabei von höchster Stelle: Kreml-Vizeverwaltungschef und Gazprom- -Aufsichtsrat Dmitrij Medwedjew soll nach Handelsblatt-Informationen von Aktionären bei Putin für die Absetzung Millers interveniert haben. Der Kremlchef hält bisher schützend seine Hand über den langjährigen Weggefährten aus gemeinsamen Tagen in der St.Petersburger Stadtverwaltung. Miller war vor gerade einem Jahr von Putin gegen Wjachirew durchgesetzt worden. Inzwischen tobt aber eine Schlacht um die Macht über die wichtigsten Konzerne im Land: Putin hatte aber kürzlich bei der Besetzung des Chefsessels des Staats-Ölkonzerns Slawneft verloren. Sein Kandidat hatte gegen den von Regierungschef Michail Kasjanow unterstützten Bewerber keine Chance. Kasjanow und Administrationschef Woloschin bilden ein enges politisches Gespann.

Miller hatte dagegen zusammen mit dem abgelösten Finanzvorstand Saweljew einige der durch die frühere Gazprom-Führung veruntreuten Gazprom-Töchter zurück in den Konzern geholt. Zudem waren Gazprom gehörende Bankbeteiligungen abgestoßen worden. Das Unternehmen, an dem der russische Staat mit 38,4% beteiligt ist, ist mit 12,3 Mrd. $ hoch verschuldet. Der russische Rechnungshof sieht keine Möglichkeit einer finanziellen Gesundung der Firma.

Auch Wirtschaftsprüfer unter Beschuss

Ob es also auch um Bilanzprobleme bei der Ablösung Saweljews durch den zuletzt in der Kreml-Vermögensverwaltung arbeitenden Boris Jurlow geht, blieb unklar. Der Wirtschaftsprüfer des weltgrößten Gasunternehmens, PricewaterhouseCoopers (PwC), wird gerade von einem Minderheitsaktionär verklagt wegen angeblich bewusster Verschleierung der Umlenkung von Firmenanteilen in die Hände von mutmaßlich dem früheren Top-Management nahestehende Unternehmen. PwC musste zudem vorige Woche das Testat bei der Ölfirma TNK zurück ziehen wegen Fehlbewertung von Firmenbeteiligungen. TNK musste daraufhin einen gerade begebenen Eurobond für 500 Mill. $ zurück ziehen. Die größte Bank des Landes, die teilstaatliche Sberbank, hat sich zudem kürzlich nach vielen Jahren von PwC als Wirtschaftsprüfer getrennt.

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